100. Geburtstag von Charles Mingus: „Ekstatische Momente am Kontrabass“

Vor 100 Jahren wurde der Jazzbassist Charles Mingus geboren. Seine Musik ist voll Lebensfreude, Zorn und körperverwandelnder Kraft. Von Franziska Buhre.

Stellt man sich eine Band als menschlichen Körper vor, ist der Bassist ihr Zwerchfell. Er reguliert ihre Atmung, die Rhythmizität und Energiegewinnung für das fortlaufende Spiel, sorgt für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Organen, also von Rhythmus- und Melodieinstrumenten, und ist Motor für ihre Stimmbildung, also den Klang.

In einem Stück verlässt der US-Jazzbassist Charles Mingus all diese Funktionen des Zusammenhalts und transzendiert sein Instrument im Duo mit Eric Dolphy auf der Bassklarinette zu mündlicher Lautbildung. Er zieht die höchste, die G-Saite des Kontrabasses bis an den Rand des Griffbretts und zupft die hohen Töne wie ein leises, neugieriges Schnattern.

Dolphy erwidert mit einem Selbstgespräch, in dem er seine Wehklage mit einer Flut gellender Rufe durchsetzt, er krächzt, und seine Stimme überschlägt am Rande der Verzerrung, bevor ihn Mingus mit einem Auftakt auf den tiefen Saiten zurückholt und die Bläser die Eingangsmelodie von „What Love“ wieder gemeinsam intonieren, als wäre nichts geschehen. Die Aufnahme von 1960 ist deshalb so bemerkenswert, weil Mingus und Dolphy hier für einen Moment aus jeglichen Konven­tio­nen von Tempo und Phrasierung heraustreten und sich dem Klang selbst überlassen.



Dieselbe Stelle hatte Monate zuvor beim Konzert im französischen Antibes hörbar widerstreitende Reaktionen im Publikum ausgelöst, wovon Mingus sich nicht beirren ließ und Dolphy beim Spiel emphatisch zurief: „Talk to me!“ Man kann diese Momente als ekstatisch beschreiben, die in Stücken von Mingus nie Selbstzweck exaltierter Lärmproduktion oder technischer Angeberei sind, sondern immer eingebunden ins Fundament seiner Kompositionen.



© TAZ, Kultur, 20.4.2022

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