„Der mit den tausend Namen“ Das neue Album von Madlib

Für seine unzähligen Projekte erdachte sich der Rapper Madlib immer neue Pseudonyme und Künstlernamen. Auch mit anderen Musikern arbeitete er immer wieder zusammen – für sein neues Album »Sound Ancestors« mit dem Elektromusiker Four Tet. Von Robert Henschel.

Im Gefolge etwa eines Sun Ra, John Coltrane oder J Dilla ist Madlib eine dieser Figuren, die – wie es so schön heißt – larger than life sind. Während die drei Erstgenannten bereits tot und so nur noch durch ihre hinterlassene Musik präsent sind, sitzt Mad­lib inzwischen seit mehr als drei Jahrzehnten in Los Angeles und sampelt sich durch die Welt. Für den Dichter William Blake steckte diese bekanntlich in einem Sandkorn, für Madlib rotiert sie mit 33 1/3 oder 45 Umdrehungen auf dem Teller eines Technics-Plattenspielers. Bisweilen werden die Platten angehalten, zurückgedreht und dann in der Datenbank eines Samplers abgelegt, wo sich diese kleinen Ausschnitte der Klangwelt zu ­Erzählschleifen, den Loops, verdichten. Und Madlib ist »The Loop Digga«, ein Klangarchäologe. Zwar hat er sich diesen Titel selbst verliehen, doch kann er ihm nur schwerlich abgesprochen geschweige denn streitig gemacht werden. Wenn es jemandem gelingt, immer wieder unter jahrzehntealtem Sediment verschüttete Klangspuren auszugraben, sie neu aufzupolieren und ihnen unverhoffte Klangfacetten zu entlockten, dann ist es Madlib.

Tolle Momente gibt es auf »Sound Ancestors« einige, zum Beispiel, wenn Madlib in »Dirtknock« dem 40 Jahre alten Post-Punk-Hit »Sear­ching for Mister Right« der Young Marble Giants recht rüde einen Drumtrack unterschiebt und ihm dadurch eine eigenartig spröde funkiness verleiht. Herausragend ist auch der dem Album den Titel gebende Track »Sound Ancestors«, der mit polyrhythmischem Trommeln und Querflötenparts auch gut auf einem Bobbi-Humphrey-Album hätte Platz finden können; was eingedenk der Tatsache, dass das bahnbrechende Jazzlabel Blue Note, für das auch Humphrey aufnahm, einst sein Archiv für Madlib öffnete (siehe »Shades of Blue«, 2003), gar nicht allzu abwegig erscheint. Und in dieser Art, scheinbar Disparates wie selbstverständlich zusammenkommen zu lassen, scheint nicht zuletzt die Genialität von Four Tet auf.



© JungleWorld, Dschungel, 18.3.2021

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