Nach hören: Du sollst dir kein Bildnis machen

Antisemitische Karikaturen
Von Ole Frahm

Verfolgung braucht Bilder, Zerrbilder, die es zu vertreiben und zu ermorden gilt. Antisemitische Karikaturen sind kein Spaß. Auf ihnen werden Menschen mit Tieren gleichgesetzt, seien es Schlangen, Ratten, Oktopusse oder Spinnen, oder sie heben bestimmte körperliche Merkmale wie Nasen oder Lippen besonders hervor. Sie machen so auf besondere Weise das antisemitische Ressentiment lesbar, das auf die Juden zugleich eine unheimliche Allmacht und eine biologische Unterlegenheit projiziert.

Der deutsche Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs dokumentierte schon 1921 mit Die Juden in der Karikatur, wie die Entstehung des Kapitalismus von anti-jüdischen Karikaturen begleitet wurde. Doch zugleich erinnert Fuchs daran, dass der Antisemitismus selbst als Karikatur verstanden werden kann. Diese besondere Nähe zwischen Karikatur und Antisemitismus hat auch viele Comic-Zeichner – von Hergé bis Art Spiegelman – inspiriert, die nicht immer entschiedene Gratwanderung zwischen Klischee und Analyse des Klischees zu wagen: denn jede Reproduktion des Klischees wiederholt zuerst das Ressentiment – bevor sie sich dann aber vor allem darüber lustig macht. Karikaturen und Comics öffnen nicht nur die „Büchse der Pandora“, wie es der Literaturwissenschaftler Geoffrey Hartmann formulierte, sondern sie geben mit ihrer Ambivalenz Mittel an die Hand, das freigesetzte Übel zu bekämpfen und so eine Gesellschaft vorstellbar zu machen, in der Stereotype und Ressentiments keine Rolle mehr spielen, weil sie zu lächerlich geworden sind.

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© Bayern 2, Nachtstudio, 12.1.2016

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