SZ Jazzkolumne: „Geheimnisträger“ Hasaan Ibn Ali von Andrian Kreye

Der Pianist Hasaan Ibn Ali prägte Zeitgenossen wie John Coltrane und McCoy Tyner. Bisher gab es nur ein einziges Album mit ihm. Nun ist ein zweites aufgetaucht.

Der Pianist Hasaan Ibn Ali war seiner Zeit weit voraus, was kaum jemand weiß, weil er auch eine gewaltige Nervensäge war. In den Jazzclubs von Philadelphia drückte er Pianisten öfter mal von der Bühne und spielte selbst weiter. Was meist dazu führte, dass die Bläser ausstiegen, weil es fast unmöglich war, seinen Ideen zu folgen. Anfang der Sechzigerjahre waren seine Gedankensprünge, seine Quart-Vorhalte, seine Klangwände und verzahnten Rhythmen einfach nur irre. Er selbst ja auch.

Auf „Metaphysics“ strickten Hasaan Ibn Ali und Odean Pope aus diesem Ansatz ein so dichtes Flechtwerk aus musikalischen Ideen und emotionalen Höhenflügen, dass man sich zwei, drei Mal darauf einlassen muss, bis sich die Tragweite erschließt, die diese Musik vor 56 Jahren hatte. Die Geschichte des Albums passt zwar auch gut in die aktuellen Debatten um die rassistische Drogenpolitik der USA, um die tragischen Folgen psychischer Erkrankungen, die damals nur mangelhaft behandelt wurden, wenn Rauschgift ins Spiel kam. Doch auch ohne den gesellschaftsgeschichtlichen Kontext öffnet „Metaphysics“ einen Spaltbreit die Tür in ein musikalisches Leben, das zum größten Teil für immer ein Geheimnis bleiben wird.

© Süddeutsche Zeitung, Kultur, Musik, 3.5.2021

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