SZ: „Schule der Innerlichkeit“ Jazzkolumne von Andrian Kreye // Musik von Makaya McCraven, Kassa Overall, Jeremy Cunningham und Fete Hupe
Eine junge Jazzszene in Chicago setzt sich weiter als ihre Zeitgenossen in New York, London und dem Rest der Welt von den Dogmen ihrer Musik ab. Was sie dort gut können – sie kehren das Persönliche und Innerste nach außen.
„I’m New Here“ war vor zehn Jahren das letzte Album des Dichters, Pianisten und Pionier des Black Arts Movement Gil Scott-Heron. Kurz vor seinem Tod wandelte sich sein Furor, mit dem er politische Hymnen für die Ewigkeit verfasst hatte („The Revolution Will Not Be Televised“, „Whitey On The Moon“, „B-Movie“) in eine Melancholie, die sich mit bedrückender Intensität nach innen richtete. Es gibt kaum einen Song, der die Qual einer durchwachten Nacht so gut nachvollziehbar macht wie „Where Did The Night Go“, und auch wenn Scott-Heron da seine Drogensucht verarbeitete, wird jeder von Sorgen Geplagte sich darin wiedererkennen….
© SZ, Kultur, 6.4.2020
Auf seinem ersten Soloalbum „I Think I’m Good“ (Brownswood) wagt sich Overall tief in die eigenen Abgründe. Da dokumentiert er die Wege in die Heime und Anstalten, in die ihn seine psychischen Probleme immer wieder brachten. Mit der Zeitlupen-Ästhetik des Trap und dem Rhythmusverständnis eines Elvin Jones schafft er da ähnlich wie Scott-Heron seinen eigenen Kosmos der Albträume.
Noch einen Schritt weiter in die eigene Biografie geht der Schlagzeuger Jeremy Cunnigham. Auf „The Weather Up There“ (Northern Spy) verarbeitet er die Geschichte, als er Zeuge wurde, wie Einbrecher seinen Bruder erschossen. Produziert hat ihn der Gitarrist Jeff Parker, der im vergangenen Jahr mit „Suite for Max Brown“ die Geschichte seiner Mutter in eine dieser Klang- und Rhythmuslandschaften verarbeitete, mit denen sie in Chicago gerade ganz neue Wege freimachen.
Was sich auch durch diese Alben zieht, ist die Suche nach einer Schönheit im musikalischen Experiment, die sich manchmal erst im Subtext ergibt. Deswegen noch ein kurzer Schlenker nach Hannover, das mit Chicago nicht viel, aber vielleicht doch diese geistige Haltung gemeinsam hat, das man sich in der Stadt mangels Glamour nur nach innen beweisen muss. Da gibt es ein 17-köpfiges Ensemble mit dem etwas unglücklichen Namen Fette Hupe, das sich unter der Leitung des Schlagzeugers Timo Warnecke und des Dirigenten Jörn Marcussen-Wulff einen verblüffenden Sinn für Schönheit erarbeitet hat. Auf ihrem neuen Album „Modern Tradition“ (Berthold) schwebt das Klangbild der Bläsersätze mit einer Spannung über den Grooves, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hat.