„Lost Berlin Tapes“ von Ella Fitzgerald: Ein Tisch ganz vorne für Marilyn
Ein wiederentdeckter Konzertmitschnitt aus Berlin zeigt, dass der Jazz von Ella Fitzgerald vor allem eines war: die Musik des Fortschritts und der Moderne. Von Andrian Kreye
Es gibt zu dem neulich erschienenen Album mit der Aufnahme eines Ella-Fitzgerald-Konzertes im Berliner Sportpalast eine Anekdote, die ganz gut beschreibt, warum Jazz immer eine Musik der Zukunft war. Auch wenn man jetzt zwischen den Jahren hin und wieder das Gefühl bekommt, es handele sich da um eine musikalische Antiquität. Es stimmt ja auch, dass in den Tagen, in denen Louis Armstrongs „Winter Wonderland“ und Ellas „Sleigh Ride“ rechtzeitig für Silvester von Frank Sinatras „My Way“ und Dinah Washingtons „Drinking Again“ abgelöst werden, Jazz ähnlich wie Eames-Möbel und Cocktails aus Kristallschalen lediglich die Aufbruchsstimmung des amerikanischen „Midcentury Modern“ beschwört …
… 1954 hatte Fitzgerald sich während eines Gastspiels im Tiffany Jazzclub mit Marilyn Monroe angefreundet. Die war ein Fan. Ihr Gesangslehrer Phil Moore hatte ihr mal als Hausaufgabe aufgetragen, sich hundert Mal hintereinander Platten von Ella anzuhören. Das war in der Zeit, als sie noch als Model arbeitete. Für eine Fotosession der Zeitschrift Life hatten sie ihre Gesangsstunde sogar mal ins Mocambo verlegt und Morrison kennengelernt. Als Superstar war sie dann sowieso gern gesehener Gast, weil sie in der Regel eine ganz Kohorte Fotografen und Klatschreporter im Schlepptau hatte. Das war auch das Argument, mit dem sie Morrison davon überzeugte, Ella Fitzgerald anzuheuern. Sie würde dafür sorgen, dass der Club bei den Auftritten mit Stars gefüllt sei. Die Garantie für gute Presse.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 29.12.2020