Musiktipps

Erkki-Sven Tüür „Lost Prayers“ Gebets-Vektoren von Hans-Jürgen Linke

Was eigentlich ist eine Klangsprache? Im Falle des estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Seine Klangsprache besteht nicht aus einer fest umrissenen Stilistik, aus definierten Klangvorstellungen, Kompositionstechniken oder einem leicht wiedererkennbaren Personalstil. 

Sie ist also nicht dodekaphonisch, seriell, mikrotonal oder minimalistisch, und sie ist auch alles andere als neo-romantisch. Erkki-Sven Tüür komponiert in einem weiten Horizont. Dogmen, die sich in der westlichen Kunstmusik im 20. Jahrhundert gebildet haben, sind für ihn nur mehr Quellen, Orientierungen, Materialien und Handwerkszeug….

Seine feingliedrigen Dramaturgien und Klangkonstellationen sind bei den Musikern – im ersten („Fata Morgana“) und vierten Stück („Lichttürme“) handelt es sich um ein Klaviertrio, das zweite Stück („Synergie“) wird von Florian Donderer Violine, und Tanja Tetzlaff, Violoncello, gespielt und „Lost Prayers“ vom Signum Quartett – in kompetenten und Tüür-erfahrenen Händen, wie die präzise Aufmerksamkeit und die dynamische und gestalterische Feinarbeit in ruhigen Passagen, bei Abruptheiten und Plötzlichkeiten, in gedehnten Schwebezuständen zeigt. „Lost Prayers“ ist ein bestechendes Beispiel für zeitgemäße Kammermusik, die keine traditionelle Bindung verleugnen muss und sich dennoch nie nach rückwärts wendet.

© Frankfurter Rundschau, Kultur, Musik, 9.3.2021

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