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„Spiel mir das Lied vom Tod“ Oder: Trauer und Trug von Thomas Kernert

Trauer ist Emotion pur. Trauer ist aber auch Spiel. Es gibt das Trauerspiel und das Spiel mit der Trauer. „Hört man etwas stöhnen und seufzen / das dumpfe Pochen geballter Fäuste …“, so ist es der Chor der antiken Tragödie oder aber die Zunft professioneller Klageweiber.

Ohne Spiel, Ritual, Klagelied, Gebet und Phrase wäre die Trauer weder erträglich, noch zu verdauen, weder simulierbar und stimulierbar, noch kathartisch aus der Welt zu schaffen. Die Logik der Trauer braucht das große Theater. Die Religionen gewährten ihr dieses jahrhundertelang, allen voran der Katholizismus. Die 1.000 Seelenmessen des Mittelalters und die 100 Gesänge Dantes weisen in dieselbe Richtung.

Doch Gott ist tot, was für uns Epigonen bedeutet, dass wir uns aus Floskeln, Schnulzen und Kerzen einen neuen Trauerhabitus zusammenbasteln müssen. Wir tun dies mit unterschiedlichem Erfolg: Während die private Trauer mit Herz, Scherz und allen möglichen neuen Trauer- und Begräbnisriten dem großen Trauerschmerz wacker entgegentritt, findet die öffentliche Trauer, die Kollektivtrauer, die TV-Trauer bei „großen Trennungsereignissen“ (Attentaten, Katastrophen) kaum noch ins Spiel. Außer Wut und dem Ruf nach immer härteren Präventionsmaßnahmen fällt der verkümmerten öffentlichen Trauerarbeit nichts Vernünftiges mehr ein. Die Trauer ist traurig geworden: Es ist ein Jammerspiel!

Ist Deutschland auch im 21. Jahrhundert noch nicht fähig zu trauern? Zur Beantwortung dieser Frage muss – ja! – auch der größte Trauerfall der deutschen Geschichte knapp 55 Jahre nach Veröffentlichung des Essays von Margarete und Alexander Mitscherlich wieder einmal thematisiert werden.



© Bayern 2, Nachtsudio, 2.11.2021

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