Musiktipps

Ingo J. Biermann über die Aufnahmesessions zu Wolfert Brederode: Ruins And Remains

Zu meiner großen Freude wurde ich im Spätsommer 2021 gefragt, ob ich ein weiteres Mal bei einer ECM-Produktion im Sendesaal in Bremen dabei sein wolle/könne, um Video- und Fotoaufnahmen zu machen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte nicht mehr damit gerechnet, doch offenbar war meine Sendesaal-Dokumentation der Aufnahmen von Erkki-Sven Tüürs Kammermusikalbum „Lost Prayers“ gut aufgenommen worden.


Manfred Eichner und Wolfert Brederode

Am ersten Aufnahmetag war ich nicht anwesend (obgleich ich gerne dabei gewesen wäre, wie sonst immer, bei der Begleitung von Albumaufnahmen), und als ich am zweiten Tag dazukam, schien bereits alles aufgenommen zu sein, was für das Album vorgesehen war. Glücklicherweise gingen die Aufnahmen aber noch zwei weitere Tage, und so begannen die Musiker, auf offenere Weise zu arbeiten, von Manfred Eicher ermutigt, mehr zu improvisieren, einige freie Stücke zu spielen und sich weiter von der Partitur zu entfernen.

Als ich später schließlich das fertiggestellte Album bekam und mein Filmmaterial durchging, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass die meisten der ausgewählten Stücke auf der CD vom zweiten und dritten Aufnahmetag stammten. Für mich war das natürlich sehr hilfreich, um die fertige Musik mit meinem Videomaterial zu synchronisieren. Es wäre doch sehr mühsam gewesen, eine schöne Dokumentation über den Aufnahmeprozess zu schneiden, wäre das Album nur aus Musik von dem Tag zusammengestellt worden, an dem ich nicht mit der Kamera anwesend war.


Wolfgang Eicher, Wolfert Brederode, Matangi Quartet

Ich war bereits bei mehreren Albumproduktionen mit Manfred Eicher dabei, und obwohl alle sehr unterschiedlich waren, waren es jeweils sehr inspirierte Sessions – und auch sehr inspirierend für mich, obwohl ich selbst kein Instrument spielen kann (es sei denn, man sieht die Kamera als Instrument, wozu ich durchaus neige). Diesmal war anders als sonst, dass Manfred Eicher die gesamte Zeit direkt im Saal mit den Musikern war, während sein Assistent im Hintergrund die ganze organisatorische Arbeit erledigte und mit dem Tonmeister Stefano Amerio oben im Regieraum war. (Schön, Stefano Amerio auch endlich einmal kennenzulernen, nachdem ich einige Zeit in Studios mit mehreren der übrigen regulären ECM-Tonmeister verbracht hatte, Jan Erik Kongshaug, Martin Wieland, Gérard de Haro und sogar dem wunderbaren Audun Strype, der leider nicht viele Alben für ECM aufgenommen hat, obwohl er es meiner Meinung ebenso verdient hätte.)

Wolfert meinte auch, es sei die entspannteste und inspirierteste Aufnahme gewesen, die er bisher mit Manfred Eicher erlebt habe, und auch, dass dies wohl in den genannten Umständen begründet sei. Eicher war gut gelaunt, und ich hatte den Eindruck, dass er einen sehr positiven Einfluss auf die Musiker und ihr Spiel hatte, selbst seine seltenen kritischen Anmerkungen wurden mit Humor aufgenommen (und kommuniziert).


Wolfert Brederode und das Matangi Quartet

Wie bei meinen früheren Kurzdokumentationen für ECM war ich erfreulicherweise sehr frei war, das endgültige Produkt ganz nach meiner Fanon zu gestalten. Sehr gerne würde ich weitere ähnliche kurze Dokumentarfilme über Albumproduktionen machen, selbst wenn es dafür kein Budget gäbe. Es ist einfach immer sehr lohnend und eine großartige, unbezahlbare Inspiration.



Leider allerdings – obwohl ich meine, dass ich eine Reihe wirklich gelungener Fotos geschossen habe, mit denen ich sehr zufrieden war – wurden keine meiner Bilder für das Album bzw. das Beiheft verwendet, bieten diese Fotos doch Zeugnis davon, wie eng die Zusammenarbeit von Manfred Eicher mit den Musikern bei dieser Produktion war. Etliche Musiker, mit denen ich in den letzten Jahren sprach, betonen gerne, dass Eicher für sie stets gleichberechtigt mit einem der Mitspielenden bei einer Albumaufnahme sei, wie der „dritte Mann“ einer Duo-Aufnahme (man denke nur an das Album „The Third Man“ von Enrico Rava und Stefano Bollani – und das vielsagende Titelbild mit Eichers Füßen) oder das vierte Mitglied eines Trios usw. Wie gerne hätte ich diese Fotos als Teil des fertigen Albums gesehen. Nichtsdestotrotz ist „Ruins and Remains“, erschienen im September 2022, ein großartiges Album geworden, und ich hoffe sehr, dass es von vielen Hörern, die an wirklich einzigartiger Musik im Feld zwischen Jazz und Kammermusik interessiert sind, als solches entdeckt wird. © Text, Fotos, Video: Ingo J. Biermann


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