ZeitOnline: Musikindustrie und TikTok – Greller, schneller, trauriger
Die Videoplattform Tik Tok verändert die Musikindustrie – und damit auch die Art und Weise, wie Musik geschrieben wird. Nutzen wird das vor allem dem Unternehmen dahinter. Von Kristoffer Cornils.
Fred John Philip Gibson versteht was von klassischem Popsongwriting. Für Meister wie Brian Eno, für Popstars wie Charli XCX und Ed Sheeran, die K-Pop-Überflieger BTS und den Grime-MC Stormzy Musik hat der Brite schon Musik geschrieben. Mit den ersten Lockdowns allerdings wechselte Gibson vom Studio ins Rampenlicht: Unter dem Namen Fred Again begann er seine Solokarriere. Auf mittlerweile drei Alben hat er auf Grundlage von Instagram-Videos und Sprachnachrichten Musik veröffentlicht, dafür kurze Gesangsparts und Aussagen gesampelt und diese in einen gleichermaßen energetischen wie melancholischen Dance-Sound eingefriedet.
Zum Star ist Fred Again nicht allein deswegen geworden, weil sein Sound einen Nerv trifft und er eine gut geölte Marketingmaschinerie hinter sich weiß. Vielmehr noch ist er beliebt, weil er uneingeschränkt nahbar wirkt. Seine drei bisher veröffentlichten Alben heißen alle Actual Life, das tatsächliche Leben, sind durchnummeriert und entsprechend ihrer Entstehungszeit datiert. Zuletzt erschien sein erneut sehr funktional betiteltes Album Actual Life 3 (January 1 – September 9 2022). Fred Again macht Musik, wie andere ihre Social-Media-Profile kuratieren. Man könnte auch sagen: Seine Vorgehensweise entspricht dem Nutzungsverhalten seiner Fans auf TikTok, diesem unüberblickbaren Ort, an dem die Inhalte anderer Menschen immer nur die Grundlage für den eigenen Selbstausdruck sind.
ZeitOnline, Kultur, Musik, 8.11.2022