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„Die wasserlose Sintflut“. Die lange Nacht über Margaret Atwood.

Die 1939 geborene Schriftstellerin Margaret Atwood gehört zu den großen Stimmen unserer Zeit. In ihrem Werk warnt sie vor politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die das Ende von Demokratie und Menschenrechten bedeuten könnten. Von Harald Brandt.

In ihrer MaddAddam-Trilogie entwirft Margaret Atwood ein düsteres Zukunftsszenario vom Untergang der menschlichen Spezies. Haupterzähler im ersten Teil „Oryx und Crake“, ist Jimmy-Schneemensch, einer der wenigen Überlebenden einer künstlich erzeugten Pandemie, die zum Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation geführt hat. Schneemensch ist der Name, den er sich für die Craker gegeben hat, eine neue, im Labor erzeugte menschenähnliche Spezies. Schneemensch ist für sie eine Art Prophet, der die Verbindung zu ihrem Erzeuger, dem Biowissenschaftler Crake aufrechterhält.

Optimierung und Zerstörung

In einem Vortrag in der Townhall von Seattle 2010 erläutert Margaret Atwood die Besonderheiten der neuen Spezies: „Die Crakers wurden gentechnisch so verändert, daß sie viele der Probleme vermeiden, die uns plagen. Und weil sie nicht aggressiv sind, sah sich ihr Schöpfer gezwungen, uns loszuwerden, denn diese Menschen hätten gegen uns keine Chance gehabt. Sie brauchen keine Kleidung, also tragen sie auch keine. Sie haben einen eingebauten Sonnenschutz, eine gute Sache. Sie haben ein eingebautes Insektenschutzmittel, was noch besser ist, und sie haben zusätzliche Sohlen an den Füßen.“

„Erinnerst du dich an die Notlage der Zahnärzte, nachdem diese neue Mundspülung auf den Markt gekommen war, die Zahnbelagsbakterien durch freundliche Bakterien ersetzte, die sich in derselben ökologischen Nische ansiedelten, nämlich in deinem Mund? Auf einmal brauchte niemand mehr Füllungen, und viele Zahnärzte gingen bankrott.“
„Und?“
„Du brauchst also mehr Kranke. Oder – und das läuft vielleicht auf dasselbe hinaus – mehr Krankheiten. Neue und andere. Richtig?«
„Klingt plausibel“, sagte Jimmy nach einer Pause. Es klang wirklich plausibel. „Aber entdecken sie nicht dauernd neue Krankheiten?“
„Nicht entdecken“, sagte Crake. „Sie erzeugen sie.“




Deutschlandfunk, Lange Nacht, 29.10.2022

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