„Das Wagnis freier Musik“ Ein atemberaubendes Album von Stefanovich, Dell, Lillinger, Westergaard
Ist es Jazz? Ist es Impro? Ist es Avantgarde? Von Berthold Seliger. Christopher Dell haucht auf dem Vibrafon einige Töne in den Raum, die der Schlagzeuger und Percussionist Christian Lillinger feinfühlig ergänzt, und Jonas Westergaard tupft vorsichtig auf dem Kontrabass – das ist ein eingespieltes Trio, eines der besten nicht nur des deutschen Jazz.
Mit dem Stück »Beograd I« beginnt es raffiniert und sensibel sein neues Album. Und mit einer Überraschung: Die Pianistin Tamara Stefanovich ist neu hier und fügt sich in die angedeutete Klangkulisse vorsichtig und suchend ein. Klangfetzen schweben, geerdet häufig durch das Vibrafon, immer neue kurze Motive werden von einem Instrument gleichsam vorgeschlagen und von den anderen beantwortet, wobei das impulsgebende Instrument kontinuierlich wechselt. Eine raffinierte Konstruktion, die gleichzeitig ihre eigene Dekonstruktion ist.
Ein vorzügliches Album. Besonders bemerkenswert ist die Pianistin Tamara Stefanovich, die bisher als einzigartige Interpretin aktueller und aktuellster Musik sowie als versierte Kammermusikerin hervorgetreten ist. Doch die Musik, die Stefanovich bisher öffentlich gespielt hat, ist notiert, also vorgegeben, und harrte »nur« der Interpretation. Nun spielt sie Jazz, improvisierte Musik. Ist sie eine weitere Pianistin auf der schier endlosen Liste eher langweiliger und mehr oder minder krass scheiternder klassischer Musiker*innen, die sich am Jazz versuchen? Selbst bei Friedrich Gulda, einem der bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts, der eine tiefe Liebe zu Jazz und Improvisation empfand, reichen die Jazz-Alben (zum Beispiel Duo-Konzerte mit Chick Corea oder Joe Zawinul) nicht annähernd an die einsamen Höhen seiner Bach-, Mozart-, Beethoven- oder Debussy-Interpretationen heran.
© nd, Kultur, Musik, 9.1.2023