Bernd Gürtlers Musiktipp: Joe Henry – All The Eye Can See (Ear Music/Edel)
Vorrangig in die Welt gebracht als üppiges, halbakustisches Hörvergnügen. Seine Songs, verriet Joe Henry dem amerikanischen National Public Radio, müssten aus sich heraus wirken, sprich „full of itself“ sein, so dass sie buchstäblich aus den Nähten platzen.
Gründlich suspekt sei ihm autobiographisches Geschichtenerzählen, das schonungslose Sichpreisgeben in zutiefst persönlicher Tagebuchform. Wer darauf hofft, möge bitteschön anderswo auf die Suche gehen. Er für seinen Teil favorisiere ausgedachte Songfiguren, um deren Geschichten erzählen zu können. Ein durchaus reizvoller Gedanke, mit gewissen Tücken.
Joe Henry nennt als Ideengeber Bob Dylan und Randy Newman, die ebenfalls mit ausgedachten Songfiguren arbeiten oder von Fall zu Fall kurzerhand in die Haut von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens schlüpfen. Bloß konnten die beiden sich mit „Blowin‘ In The Wind“, „Times They Are A-Changin'“ oder „Masters Of War“ beziehungsweise „Short People“ sowie „Rednecks“ aus dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext heraus tief ins kollektive Bewusstsein eingraben.
© talking music, 31.1.2023