R.I.P. Mark Stewart Nachrufe „Radikal offen und konfrontativ“
Mark Stewart war der Gründer von The Pop Group, einer der einflussreichsten Bands des Post Punk. Er starb im Alter von 62 Jahren. Von Benjamin Moldenhauer.
Die Sätze, die der damals gerade einmal 19-jährige Mark Stewart auf dem ersten Stück von „Y“ singt, waren eine programmatische Kampfansage: „We do not have anything / We have not learned anything / We do not know anything“. Der Sound des 1979 erschienenen Debütalbums von The Pop Group und ihres Sängers Mark Stewart standen für eine so paranoide wie angriffslustige Musik.
The Pop Group nahmen Punk, Reggae, Dub, Funk, Freejazz, Krautrock, drehten alles durch den Mischer und befreiten die Szene von der drohenden musikalischen Erstarrung. Der Moment, der auf „Y“ festgehalten ist: Es begann die Phase in der britischen Popgeschichte, in der die von der ersten Punk-Welle postulierte radikale Freiheit auf die Musik selbst übertragen wurde. Bis zu The Pop Group und einigen wenigen Wesensverwandten bedeutete Freiheit im Punk vor allem eine weitgehende Liberalisierung von Autorschaft – jeder durfte, jeder konnte, dem Anspruch nach zumindest. „Y“ war eine musikalische Initialzündung.
© TAZ, Kultur, 23.4.2023
„Er prägte den Sound seiner Stadt“ Von Philipp Krohn
Mark Stewart war ein großer unbekannter Impulsgeber der Popmusik. Mit The Pop Group schuf er eine Verbindung aus Reggae und Punk und erfand Industrial mit. Dann ermutigte er eine junge Generation zum Sound of Bristol.
Bei Mark Stewart, Gründer und Frontman der Band The Pop Group ist die Diskrepanz zwischen Leistung und Bekanntheitsgrad noch größer als bei Hall, der zumindest in der britischen New-Wave-Szene ein Idol war. Zur selben Zeit wie die Ska-Band The Specials begann Stewart Ende der Siebziger mit Gitarrenmusik und jamaikanischer basslastiger Musik zu experimentieren. Er war ein Pionier und Förderer.
Wer das Verhältnis von Popmusik und Metropolen erforscht, wird wohl nur eine weitere Person finden, die eine so zentrale Rolle für die Entwicklung des Sounds einer einzelnen Stadt spielte wie Mark Stewart für Bristol: In dieser Hinsicht steht er auf einer Stufe mit dem US-amerikanischen Produzenten Sam Philips, der in Memphis Elvis, Jerry Lee Lewis und Johnny Cash groß rausbrachte und für Jahrzehnte das Selbstverständnis der Musikmetropole prägte.
© FAZ, Feuilleton, 22.4.2023