Der Singende Tresen „Als Erste erschossen“
Die Band „Der Singende Tresen“ bringt seit 20 Jahren Lyrik und Poesie mit Jazz und Klezmerund einer klar linken politischen Haltung zusammen. Ein Porträt von Andreas Hartmann.
Vor mehr als zwanzig Jahren auf einem Festival zu Ehren Erich Mühsams hat alles begonnen mit der Berliner Band Der Singende Tresen. Ihre letzte Platte mit dem Titel „Mühsam Blues“ – inzwischen auch schon acht Jahre her – hat sie ganz dem von den Nazis ermordeten Anarchisten und Mitbegründer der kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Münchner Räterepublik gewidmet. Mühsam, der Antifaschist, wird immer Begleiter der Band bleiben, auch wenn er auf der neuen Platte „Alles was der Fall ist“ direkt keine Rolle spielt. „Aber vor allem sind wir nun mal eine Live-Band“, erklärt Sängerin und Songschreiberin Manja Präkels. Und auf den Konzerten werde am Ende und als Rausschmeißer eigentlich immer das Mühsam-Lied „Gebt mir Schnaps“ intoniert. Und meist – man muss den eigenen Bandnamen ja auch ein wenig ernst nehmen – werden dann tatsächlich Schnäpse herumgereicht.
„Wir sind mit dem Tresen immer wieder durch Ostdeutschland gezogen und haben den Leuten das um die Ohren gehauen, was vor ihrer Haustüre passiert und von dem sie nichts wissen wollten“, und meint damit den Rechtsruck etwa in Thüringen oder Brandenburg, wo sie geboren wurde. Und nun liest sie in diesen Bundesländern an Schulen und muss feststellen: „Es brennt überall. Die Probleme sind enorm und die AfD liegt in manchen Gegenden bei über 35 Prozent.“ Und das ist ein Befund, den sich auch Erich Mühsam mit einer ganzen Flasche Schnaps nicht schöntrinken könnte.
© TAZ, Kultur, 22.6.2023