Helga Paris ist tot – Sie war die Fotografin Ostberlins
Die Fotografin fing in ihren Werken den ungeschönten, grauen Alltag Ostberlins ein. Mit 85 Jahren verstarb sie in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg. Ein Nachruf von Annett Gröschner.
Es gibt ein Foto von Helga Paris aus den siebziger Jahren: Die Winsstraße in Prenzlauer Berg, alte Leute über breite Wege aus Granitsteinen schlurfend, die man hier Schweinebäuche nennt, am Straßenrand vereinzelte Autos, die Fassaden der Gründerzeithäuser grau, grau der Himmel, die Mäntel der Leute, die Straßenschilder.
Obwohl das Licht von Süden kommt, hängt ein Nebel über der Straße, der frösteln lässt. So ist es immer gewesen zwischen Oktober und April. Der Geruch aus Kohle, Zweitaktgemisch, Pisse, Gas und abgestandenem Wasser. Im Winter froren die Toiletten ein, und wenn man versuchte, die Wäsche draußen zu trocknen, legte sich der Ruß und Staub der Kohleöfen und des am Ende der Straße gelegenen Gaswerks in feinen Partikeln auf das Gewebe. Etwas Lebendiges, Unverwechselbares aber gibt es auf dem Foto: eine Taube mit weit ausgebreiteten Flügeln, grau wie alles andere, aber im Anflug.
© TAZ, Kultur, Künster, 7.2.2024