Nick Cave ist nicht nur ein Rockstar, er ist auch ein singender Priester und Seelsorger
Von Ueli Bernays (NZZ). Mit dem neuen Album «Wild God» wollte der australische Künstler seinen Rückweg aus familiären Tragödien in eine glücklichere Gegenwart markieren. Der Tonfall ist trotzdem düster geblieben. Das Repertoire aber hat therapeutischen Charakter.
Nein, Nick Cave sorgt nicht für reine Freude in seiner Musik. Das Schicksal hat ihm Worte der Verzweiflung ins Gedächtnis geschrieben und elegische Motive in die Seele. Und auch wenn die letzten Tränen biografischer Tragödien getrocknet sind und der Blick wieder frei ist auf eine Zukunft: Der Sänger, der zwei Söhne verloren hat, bleibt gezeichnet vom Leben.
Umso erstaunlicher, dass er die Ankündigung eines neuen Albums mit dem Versprechen von Hoffnung und Vergnügen geschmückt hat. Auf «Wild God» mag jetzt zu spüren sein, dass der Musiker sein Publikum mit hymnischen Klängen und üppiger Orchestrierung ergreifen und erheben möchte. Doch seine Oden an die Freude haben stets mit der Schwerkraft der Verzweiflung zu kämpfen.
© NZZ, Feuilleton, 4.9.2024