Release Tipps

Release Tipp – Jochen Kleinhenz: Black Rain – Neuromancer / Room40

50/40/30 Jahre später, diese Herangehensweise an Musik ist längst nicht mehr anrüchig, im Zeitalter des Gleichzeitigen alles Ungleichzeitigen. So taucht nun dieses Album auf mit dem Soundtrack zum Hörbuch von William Gibsons »Neuromancer« (1984), vom Autor selbst eingelesen und mit dieser Musik unterlegt 1994 (auf dieses Jahr werde ich in einem anderen Text nochmal genauer eingehen müssen).


Also gleich ein doppeltes Jubiläum: 40 Jahre Buch, 30 Jahre Hörbuch … ich gebe zu: Ich habe beides weder gelesen noch gehört, aber natürlich weiß ich um die Wirkung des Buches auf spätere Erzeugnisse der Populärkultur, am prominentesten wohl beim Blockbuster der Matrix-Trilogie.
»Neuromancer« zeichnet eine der unzähligen Dystopien, die uns seit Jahrzehnten von der realen Dystopie ablenken, auf die wir mittlerweile immer deutlicher zusteuern (Postdemokratie, Klimakatastrophe, Realitätsverlust qua KI, …): Die Hauptfigur ein Cyborg, halb biologisches Wesen, halb Maschine, umgeben von weiteren »Wesen« (und KIs), die niemand von uns sein möchte, in einer Welt, in der niemand von uns leben möchte und von der niemand schlussendlich sagen kann, wo sie real ist und wo fiktional. Die Matrix eben.



Dieser Soundtrack klingt in der Rückschau definitiv mehr nach 1984 als nach 1994, was diese neu gemasterte Ausgabe, diesmal ohne den Text als reines Instrumental-Album auf einer LP möglicherweise noch unterstreicht (das Hörbuch bestand aus vier C-90 Kassetten bzw. fünf CDs). Das muss erstmal nicht schlecht sein, denn es gibt nach wie vor Fans der Musik der 1980er (zu denen ich mich zähle, wenn es um Post-Punk und experimentellere Klänge geht – also eher Dome & Duet Emmo statt Duran Duran oder Depeche Mode). Dennoch tue ich mir schwer mit dem Begriff »Soundtrack«, denn zum einen besitze ich genügend Alben, die »Soundtracks« enthalten zu Filmen, die nie gedreht wurden, dafür jedes Mal neu entstehen beim Anhören dieser Alben: Filme, die nur ich so sehen kann … zum anderen sind Soundtracks gerne auch mal Sammlungen populärer Stücke, sei es aus »U-Musik« (Soundtrack-Alben zu »Easy Rider« oder »Trainspotting« etwa) oder »E-Musik« (»2001 – Odyssee im Weltall«, »Apocalypse Now«).

„Black Rain“


Nichts von alledem findet sich hier – die Stücke wurden als Untermalung für die mehrstündige Lesung des Autors Gibson konzipiert, aber ohne diese Stimme, ohne diesen Kontext bleiben sie seltsam distanziert. So wie noch kein Stummfilm entsteht, wenn beim Tonfilm die Tonspur wegfällt, so entsteht noch kein eigenständiges Album, wenn den Stücken hier der Bezug zur Sprache des Vorlesers, der Rahmen des Hörbuchs genommen wird. Auch das dritte Durchhören des ganzen Albums beschließe ich mit einem Achselzucken, finde abschließend keinen Grund, dem Album noch mehr Hörzeit zu widmen. Das ist subjektiv gefärbt, klar, und möglicherweise sehr voreingenommen aufgrund meiner Befindlichkeiten im Jahr 2024, die sich deutlich von denen der Jahre 1994 oder 1984 unterscheiden: Damals war ich begeisterter Konsument von Dystopien, sei es in Buchform, sei es als Film. Bei aller Angst (1984) schien aber immer am fernen Horizont die Möglichkeit einer besseren Zukunft auf (1994). An diese Möglichkeit glaube ich immer noch, aber schon das Wort »glaube« indiziert, dass ich mir nicht mehr so sicher bin wie 1994, das selbst noch erleben zu dürfen (damals »wusste« ich es).
Was wir im Moment nötiger brauchen als dunkle Klänge zur Dystopie wären Ausblicke in eine lebenswerte, gestaltbare Zukunft – vieles, was ich derzeit höre, überwiegend im Feld der experimentellen und improvisierten Musik, ermutigt (mich) dazu. Dieses Album hier eher nicht: Wie beim Gang durch eine Ausstellung oder ein Museum nehme ich es wahr, kann die Einordnung in bestimmte Kontexte nachvollziehen oder selbst vornehmen, aber mehr nicht – ich nehme das Exponat zur Kenntnis, spreche ihm seine Berechtigung gar nicht ab, aber gehe weiter …



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