In memoriam Sofia Gubaidulina: „Demut vor der Schöpfung“ Ein Porträt der Komponistin.
Die bedeutende russisch-tatarische Komponistin in einem historischen Interview. Wir senden aus diesem Anlass ein „Zeit-Ton“-Porträt aus dem Jahr 2018. Reinhard Kager hatte die stets bescheiden auftretende Komponistin bei den Klangspuren Schwaz zu einem Interview treffen können. Darin spricht sie über die Rolle der Religiosität für ihr Werk und die Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft.
Im vergangenen September war die 85-jährige russisch-tatarische Komponistin Sofia Gubaidulina zu Gast beim Tiroler Festival Klangspuren. Wie bei kaum einer anderen Künstlerin ist die Musik Gubaidulinas stets von religiöser Demut vor der Schöpfung und einer geradezu existenziellen Spiritualität durchsetzt. Im Gespräch erläutert die Komponistin, warum sie gerade in einer Zeit der Kriege, der Vertreibungen und der Gier nach Macht und Geld eine Rückbesinnung auf die spirituellen Wurzeln der Menschen für so bedeutsam hält.
Begleitet wird dieses Interview von Ausschnitten aus einigen wichtigen Stücken Gubaidulinas in der jüngsten Zeit. Wie etwa „Glorious Percussion“, ein Konzert für Schlagzeugensemble und Orchester, das bei den Klangspuren vom Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Jonathan Stockhammer und vom Grazer Studio Perkussion als Solisten erstmals in Österreich aufgeführt wurde. Sowie ihr 2017 vollendetes Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Bajan und Orchester, das von Baiba Skride (Violine), Harriet Krijgh (Violoncello) und Elsbeth Moser (am Knopfakkordeon Bajan), begleitet von der NDR Radiophilharmonie Hannover unter Andrew Manze, aufgeführt wurde.
Solisten wie Gidon Kremer, Mstislaw Rostropowitsch oder Anne-Sophie Mutter haben ihre Werke aufgeführt, Pultstars wie Kurt Masur, Christian Thielemann oder Simon Rattle dirigiert. Letzterer titulierte sie einmal als „fliegenden Einsiedler“: „Ab und zu kommt sie zu uns auf die Erde und bringt uns Licht und geht dann wieder auf ihre Umlaufbahn.“ Im Jahr 2020 durfte das ORF Radio-Symphonieorchester Wien eines ihrer letzten großen Meisterwerke im Rahmen von Wien Modern unter der Leitung von Oksana Lyniv zur Uraufführung bringen.
Klangfarben und Intervall-Konstellationen, Tonhöhen und Artikulationsarten bilden die Basis ihrer Werke, bisweilen sind rhythmische Prozesse prägend und das Verhältnis der Themen und Motive zueinander. Die oft als „Mystikerin der Musik“ titulierte Künstlerin wollte stets Klang und Seele miteinander verbinden und verspürte bereits als Kind den Drang zum Komponieren. „Das wichtigste Ziel eines Kunstwerkes ist meiner Ansicht nach die Verwandlung der Zeit“, sagte sie einmal.
Religion war der russisch-orthodoxen Christin existenziell wichtig und prägte ihr ganzes Musikschaffen – nicht nur ihre religiösen Werke wie „Stunde der Seele“, „De profundis“, oder „Sieben Worte“. Herausragend ihre „Johannes“-Passion: Die Auftragskomposition für die Internationale Bachakademie Stuttgart wurde zum 250. Geburtstag von Johann Sebastian Bach 2000 uraufgeführt. Sie hat den Leidensweg Jesu gigantisch vertont – für Orchester, zwei Chöre und Solisten. Später folgte „Johannes-Ostern“, denn die Leiden Jesu ergeben für Gubaidulina ohne die Auferstehung keinen Sinn.
Im Leben Gubaidulinas spiegelte sich das 20. Jahrhundert seit der Stalinzeit, der Kalte Krieg, Gorbatschows Perestroika und der Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Komponistin kam am 24. Oktober 1931 in Tschistopol an der Wolga in der tatarischen Republik zur Welt, studierte in Kasan und Moskau Musik und arbeitete seit 1963 als freie Komponistin. Als kulturelle Wurzeln nannte sie die Prägung durch jüdische Lehrer, die frühe Begegnung mit der deutschen Kultur und ihre russisch-tatarische Herkunft. Ihr Geld musste sich Gubaidulina lange mit dem Schreiben von Filmmusik verdienen, ihre Werke wurden in der Sowjetunion mit Skepsis betrachtet und kaum aufgeführt. (Wiederholung vom 24. April 2018)
Playlist:
Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina
Titel: Am Rande des Abgrunds für sieben Violoncelli und zwei Aquaphone (2002)
Solist/Solistin: Julius Berger/Violoncello solo
Solist/Solistin: Sofia Gubaidulina/Aquaphon
Solist/Solistin: Victor Suslin/Aquaphon
Länge: 13:58 min
Label: Wergo 6685 2
Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina
Titel: De profundis für Bajan solo (1998)
Solist/Solistin: Elsbeth Moser/Bajan
Länge: 05:18 min
Label: ECM New Series 1775, 461 897-2
Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina
Titel: Glorious Percussion, Konzert für Schlagzeugensemble und Orchester (2008)
(aufgenommen am 7.9.2017 bei den Klangspuren Schwaz)
Ausführende: Studio Percussion Graz
Orchester: Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
Leitung: Jonathan Stockhammer
Länge: 07:23 min
Label: Sikorski, Hamburg
Komponist/Komponistin: Sofia Gubaidulina
Titel: Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Bajan und Orchester (2017)
Solist/Solistin: Baiba Skride/Violine
Solist/Solistin: Harriet Krijgh/Violoncello
Solist/Solistin: Elsbeth Moser/Bajan
Orchester: NDR-Radiophilharmonie
Leitung: Andre Manze
Länge: 15:15 min
Label: EBU
© Ö1 , Zeit Ton, 24.4.2018 / 14.3.2025