Für David Thomas: Gedanken und Nachrufe
Vor gut einer Woche ist David Thomas von uns gegangen. Ich habe die Zeit seitdem ausgiebig genutzt, um seine Musik und die von Pere Ubu zu hören und Nachrufe zu lesen. Es erinnern sich u.a. Karl Bruckmaier, Walter Meier, Harry Lachner, Alexander Pehlemann.
Für mich ist es auch ein Blick zurück. So richtig bewusst habe ich seine Musik 1986 bei Karl in Chemnitz am Küchentisch gehört. Walter Meier (BR 2) stellte David Thomas & The Wooden Birds – Monster Walks the Winter Lake vor und wir hörten gemeinsam den Radiomitschnitt. Das Mitschneiden von Radiosendungen war für uns im Osten enorm wichtig. Nur so konnten wir von neuen Bands und Platten erfahren. Sie waren das hörende Tor zur Musikwelt, die uns noch verschlossen war. Alexander Pehlemann hörte Pere Ubu 1987 in der Sendung Parocktikum (DT 64). Seine Erinnerungen halfen mir auch, mich an diese Jahre zu erinnern. In seiner Sendung klang es, als hätte er die Musik von Pere Ubu erst gestern gehört. Wahnsinn. Ich kann seine Sendung allen Fans nur wärmstens empfehlen.
Rückblickend sind mir vor allem die Konzerte mit David Thomas in Erinnerung geblieben. Das vergisst man nie. Vor allem die Tournee mit der roten Schürze.
David Thomas hat auch Harry Lachner bei Konzertbesuchen nachhaltig beeindruckt. Und auch er kennt die Tournee, wo David Thomas mit roter Gummischürze und Ziehharmonika auftrat, es soll auch Konzerte gegeben haben, wo er nur mit Schürze und Ziehharmonika auftrat. Zumindest habe ich das so gelesen. Es gab außerdem ein Interview mit David in Saalfelden. Er hat einen Konzertmitschnitt für den BR gemacht und mit etwas Glück wird der wieder gesendet.
„Ein liebenswerter Mensch, gerade in seiner Skurrilität. Aber egal, ob Konzert oder Platte: Er war seit den 90er Jahren immer irgendwie in meinem musikalischen Leben präsent.“ Harry Lachner
Für Walter Meier ist David Thomas ohne Zweifel ein „Held“. Und für „Monster Walks the Winter Lake“ hat er seinen Plattenspieler wieder angeworfen. Als Tipp gab er mir noch „The Pale Orchestra conducted by David Thomas“ von 1999 mit auf den Weg. Eine Art „Musical Theatre“ mit großartigen MusikerInnen aus den verschiedensten Genres, darunter Linda Thompson, Jackie Leven, Peter Hammill, Chris Cutler.
Karl Bruckmaier über David Thomas:
David Thomas hat mich in seiner expressiven Art immer etwas eingeschüchtert. Ich habe zwei Erinnerungen an ihn: Sein Konzert in Erding, das bald als LP bei Recommended erschien, gehört zum Besten, was ich je live erleben durfte. Und es war wahrscheinlich die erste Platte, die ich als Fan und Zuschauer gehört habe. Und auch meine zweite Erinnerung hat mit Vinyl zu tun. 1978 war mein erstes Jahr beim BR. Die Promo-Leute waren froh, wenn sie bei uns komische Sachen loswerden konnten. Ich bekam ein Paket mit Dub Housing, und nach wenigen Minuten war mir klar, dass das ein großes Missverständnis sein musste, denn die Platte war auf Chrysalis erschienen, einem Label, das sonst Bands wie Ten Years After oder Jethro Tull im Programm hatte. Niemand konnte sich im Vertrieb um Pere Ubu kümmern, der Weg zu Recommended war vorgezeichnet.
Für alle, die jetzt anfangen, sich mit David Thomas und Pere Ubu zu beschäftigen, empfehle ich die frühen Pere Ubu (1978 – 1980) und die Veröffentlichungen mit den „Pedestrians“, „His Legs“ und „The Wooden Birds“, auch die Two Pale Boys würde ich dazu zählen. Seine Diskografie ist sehr umfangreich, er hat auch bis vor kurzem noch neue Musik veröffentlicht und auch Konzerte gegeben. Posthum soll noch seine letzte Musikproduktion erscheinen. Ich bin gespannt.
Hier noch ein paar Nachrufe und ein Interview vom Ox-Fanzine (siehe Link) aus dem 2004. Die Nachrufe sind von Jan Granlie (Salt Peanuts) und Rob Sheffield (Rolling Stone).
Schließlich ist mit David Thomas ein Musiker von uns gegangen, der in seiner Einzigartigkeit, seiner Unangepasstheit und seiner besonderen Auffassung von Musik unverwechselbar war.
Hallo mit’nander, das ist ja interessant: „1986 bei Karl in Chemnitz am Küchentisch“. Handelt es sich um Karl Eidam? Es gab nur „einen Karl“ in Karl-Marx-Stadt! Über ihn lief ja so einiges. Ich erinnere mich, dass über ihn und dann Matthias Landgraf das ganze Residents- Material in Dresden landete.
Karl sehe ich heute noch regelmäßig bei Konzerten im Jazzclub Fuchs im Chemnitzer Tietz.
Unvergessen auch für mich die Fleischerschürze und das Akkordeon davor bei einem Konzert mit den Two Pale Boys Ende der Neunziger im Starclub in Dresden.
Was soll ich sagen? Es gab nur einen Karl (Eidam) in Chemnitz, wenn es um Schallplatten ging, so wie es in jeder Stadt nur einen „xxx“ gab. Es gab zu DDR-Zeiten oft nur bestimmte Ansprechpartner, wenn es um bestimmte Musik ging. Und das war natürlich Karl Eidam in Chemnitz. Und da ich ihn und Gullymoy oft bei Konzerten im Tietz treffe, müssen wir uns schon „gesehen“ haben. David Thomas habe ich erst später im Starclub gesehen. Das muss in den Zwanzigern gewesen sein. Aber da bin ich mir nicht so sicher 😉 Aber was den Küchentisch in Chemnitz angeht, da bin ich mir ganz sicher.