Musiktipps

Rückschau: 1. Festival für Experimentelle Musik Würzburg 14.12.2025

Rigobert Dittmann schreibt über diese 8 Stunden Konzerte, Performances und Nebenschauplätzen in seiner ganz eigenen Art und Weise. Einfach unverkennbar.

Dirk Rumig (Reeds), Uli Kleideiter (Schlagwerk), Rosa Faerber & Lisa Kuttner

Als Alternative zu den von der HfM 2-jährlich im Januar veranstalteten „Tagen der Neuen Musik“ lockte am 14.12.2025 der Tonkünstlerverband Würzburg e.V. mit einer 8-std. Revue Neuer Musiken ins Josef_uM der Schwestern des Erlösers (Bibrastraße 6): Mit Werken für Gitarrenquartett, Musik für Harfengitarre von Lorenz Schmidt, Stücken von John Cage und Tom Johnson sowie improvisierter und getanzter Musik mit Dirk Rumig (Reeds), Uli Kleideiter (Schlagwerk), Rosa Faerber & Lisa Kuttner. Vor diesen 8 Stunden Neuer Musik erlaubte ich meinem alten Kopf, sich zu fokusieren auf die drei speziellen Attraktionen, die Jochen Kleinhenz (expiremental.com) kuratiert hat:

ANNA SCHIMKAT, die Klang- und Hörstückmacherin in Mainz („Brot und Ro-sen“, „Macht euch auf die Socken“) und Duopartnerin von Michael Barthel („A Vochel wo red“) bot im Festsaal mit „Water“ eine Version ihres Projekts „Underwater“ über Flüsse als trennende Ufer und als Grenzüberschreiter, über die Undinen des Donaudeltas und die Verteidigerinnen der Ukraine. Sie mischt in ihrer Performance glucksende und rauschende Feldaufnahmen mit verstärkten Klängen von Wasser, das sie in Schalen und über ein Schlagzeugbecken gießt, und mischt das auf mit Livesamples davon. Sie bläst dazu PVC-Flöte und moduliert das ebenfalls. Sie hantiert mit einem Eisblock, erzeugt Reibe- und Tropflaute, die sie ins Klangbild einfügt. Und lässt aus den Mündern rumänischer und ukrainischer Frauen anklingen, was der Mensch sein kann. Homo ludens wie Schimkat. Und mit dem Sinn und Verstand, in einer Handvoll Wasser einen 2.857 km langen Fluss hören zu können, das Schwarze Meer, den Ocean of Sound, unendliche Geschichten. Und im final tropfenden Beat den eigenen Herzschlag. Bei Undinen weiß man es nicht, Schimkats coole Performanz hat definitiv Hand und Fuß.

Guter Grund, das Spendenschweinchen zu füttern und sich mit zwei Keiler-Bierchen und Käsebrot für den Fortgang zu stärken. Und mit dem angereisten Henry Kozok zu parlieren, der, neben seinem Job als Theaterobermeister in Zwickau, mit „radiohoerer.info“ Radio– und Medientipps für Neue Musik, Jazz etc. gibt und als großer Fan von Lindsay Cooper ein Seelenverwandter ist.

Mein Lieblingsplatz war die Lounge voller Bücher über Musik. Die Palette reichte von Werken von und über John Cage bis hin zur Klangkunst. Und dann entdeckte ich im DU-Magazin einen Beitrag von Bert Noglik über John Cage und Jazz. Da war es um mich geschehen, das musste ich komplett lesen. Was für eine schöne Idee, so einen Platz einzurichten! Michael Barthel hat mich mit seiner Radikalität sehr beeindruckt. Das tschechische Trio mit seiner klingenden Installation, die John Cage mit Sicherheit begeistert hätte, war ein würdiger, atmosphärischer Ausklang. Akustisch wurde gezeigt, was alles und wie klingen kann. 😉 @radiohoerer

Michael Barthel 2018 Festival für experimentelle Musik München

MICHAEL BARTHEL, der Klangpoet und Sprechstücke-Shouter aus Leipzig, lässt vorsorglich kleine Kinder in Sicherheit bringen, bevor er im Josefsaal seinen Rant „Durchhalten“ intoniert. Wobei der scheinbare Biedermann in Künstlerschwarz zu jemanden mutiert, den sich nicht einmal Dostojewski ausdenken konnte. Wie ein anderer Hamlet über Sein oder Nichtsein, ein anderer Kierkegaard sein Entweder-Oder, deklamiert er über den nicht zu stoppenden Fortlauf Krieg-Frieden-Krieg. Von Folien, die Röntgenbildern oder Fotonegativen ähneln und ihm als graphische ‚Partituren‘ taugen. Auf Notlinien weiße Fahnen und weiße Flecken des Schmerzes und Widersinns, um dem Hirnriss des Krieges reißend und schneidend zu widersagen. Mit einer Stimme wie ein von George Grosz gemalter Kriegskrüppel des Ersten Weltkriegs. Als hätte er aus dem Blechnapf Giftgas gefressen. Yoko Onos einst als Zumutung verdammter Antikriegsschrei ‚John John (Let’s Hope for Peace)‘ wird daneben zur Friedenstaube. Und ist doch ein Blueprint für Barthels Krieg schreit nach Frieden, Frieden brüllt nach Krieg! Die ersten und manche weiteren Sätze sind zu krass verzerrt, um sie zu verstehen. Nicht einmal Aasgeier können derart krächzen, schrillen, aasen. Als würde er aus Umberto Ecos Lob der Hässlichkeit die Essenz pressen. Dass man den Teufel mit Beelzebub, die Medusa mit ihrem Spiegelbild konfrontieren muss. Sein DURCHHALTEN DURCHHALTEN DURCHHALTEN hat seinen Vorredner allenfalls in Jaap Blonks BRÜLLT!!! Zwei Damen flüchten. Dabei zelebriert Barthel seine unsimple Lektion mit bestechender Eiseskälte ohne Schweißtropfen oder schwellende Stirnadern. Hellhörig genug, die kongeniale Zustimmung durch die Domglocken schweigend mit einzubauen. Trotz der Ahnung, was Barthel macht, ist das Haarsträubende, das ja sein Thema ist, als direkter Eindruck nochmal ein hoch².

Ein Ausschnitt vom Aufbau der Klanginstallation von VÁLEK MERTA TARNOVSKI

20:00 – Das tschechische Trio VÁLEK MERTA TARNOVSKI, bestehend aus Petr Válek (Loučná Nad Desnou), Ondřej Merta (Brno) und Jára Tarnovski (Mitglied von Gurun Gurun in Prag) performt im Festsaal „Metal“. Die ausgebreiteten kinetischen Skulpturen und der Metall- und Holzkram erinnern an Rie Nakajima am gleichen Ort. Der Weihrauchgeruch, die Kerzenlichter und mittendrin die Leiter sind jedoch eigen, auch die Bastl Instruments, die sie zirpen lassen. Das Zeremoniell ist dennoch ähnlich: Kleine Dreher klacken gegen Plastik und Metall, kleine Automaten stoßen feine Geigen- und Zitherklänge an. Auch hier staksen die Musiker als Störche im Salat, setzen die Maschinchen in Gang, erzeugen Klänge durch das Bowing von Metallscheiben oder Fahrradspeichen, einer bläst eine Art Shofarhorn.

Ein Zweitling dieses kleinen, feinen Festivals für experimentelle Musik scheint übrigens für Mitte November 2026 schon beschlossene Sache. Bis jetzt ist es der 15.12.2025.

Dieses kurze Video soll die Vielfältigkeit der Aktionen ein wenig verdeutlichen …

© Texte: Rigobert Dittmann, Henry Kozok, Fotos und Video: Henry Kozok

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