Release Tipp: Empirical – Like Lambs: To The Slaughter / Whirlwind Recordings
Mit ihrem achten Album „Like Lambs: To The Slaughter“ (Wie Lämmer: Auf die Schlachtbank) liefert das erfolgreiche Jazzensemble Empirical einen treffenden und eindringlichen Soundtrack zum aktuellen Zustand unserer Zeit, der von Krisen, Katastrophen und Kriegen geprägt ist. So passt es auch gut, dass sich „frei improvisierte“ Passagen mit ausgeschriebenen Teilen gegenüberstehen.
Erst die Kombination beider Elemente ergibt eine stimmige Suite zu diesem sehr komplexen Thema. „Es ist insofern ein Konzeptalbum, als es eine Geschichte darüber erzählt, wo wir uns alle heute in der Welt befinden – überreizt und unterinformiert. Forbes bemerkt: „Es greift den vorherrschenden Zeitgeist auf, wonach die menschliche Zivilisation auf den Zusammenbruch zusteuert – ein Trend, der durch vorsätzliche Ignoranz und menschliche Zerstörungswut angeheizt wird.“
Ein Album, das sicher für viele Reibungen sorgen wird – und das ist gut so. Es ist hoch virtuos, anspruchsvoll und voller Energie, was zur Gesamtaussage passt. Ein starkes und wichtiges Statement dieser Musiker, verbunden mit einer dringenden Hörempfehlung.

Das britische Jazzensemble Empirical kehrt wieder mit ihrer zweiten Neuerscheinung bei Whirlwind Recordings mit einer Warnung für unsere unruhigen Zeiten: ihr insgesamt achtes Album mit dem unheilvollen Titel Like Lambs: To The Slaughter. Nach der Übersiedelung des Vibraphonisten und langjährigen Band-Mitglieds Lewis Wright in die USA, besteht die preisgekrönte Band nun aus Nathaniel Facey am Altsaxophon, Tom Farmer am Kontrabass und Shaney Forbes am Schlagzeug. Auf Like Lambs: To The Slaughter holt das Trio hochkarätige Gastmusiker mit an Bord, um seinen Sound zu erweitern: die langjährigen Mitstreiter Ivo Neame am Klavier und David Preston an der Gitarre leihen dem Album ihre unverwechselbaren musikalischen Stimmen.
In einer radikalen Überarbeitung der unkonventionellen Langform-Suite des Schlagzeugers Shaney Forbes, welche 2022 als selbstveröffentlichte EP erschien, entfaltet sich das Album als 51-minütige musikalische Erzählung. Es zieht den Hörer in einen unwiderstehlichen Maelstrom wechselnder Gefühlszustände und erreicht seinen verstörenden Höhepunkt im Titelstück der Suite. Mit diesem Album haben Empirical eine erstaunliche und in ihrer Ausdrucks- form kohäsive Neuinterpretation ihrer einzigartigen Klangwelt geschaffen, ermöglicht durch ihre außergewöhnliche Virtuosität, ihre musikalische Empathie und ihre furchtlose emotionale Ausdruckskraft. Ein herausragendes Album selbst nach den hohen Maßstäben der Band.

Im Zentrum des Albums steht der dreiteilige Satz „Like Lambs“, das sich aus sanften kammermusikalischen gestrichenen Bassklängen und Klavier-Kaskaden heraus entfaltet und in „Like Lambs: Ignorance and innocence“abwechselnd eindringliche und verträumte Stimmungen erzeugt. Im zweiten Teil, „Like Lambs: To The Slaughter“,steigert sich die rhythmische Intensität durch feurige Improvisationen von David Preston und Ivo Neame. Im zutiefst bewegenden Schlussabschnitt „Like Lambs: To Our Own Demise“ schaffen Nathaniel Facey und Forbes einen von tiefem Leid durchdrungenen Dialog, der aus den Quellen des Free Jazz schöpft. „Es geht um mein Gefühl, dass wir dem Schmerz und dem Leid, das viele Menschen erfahren, nicht genug Aufmerksamkeit schenken“, erklärt Forbes. Im Übergang zu „The Garden of Beginnings: Earth“ greift das Quintett die thematischen Klavier-Motive des Album-Openers wieder auf, welche die Dissonanzen und die Unruhe von „Like Lambs“ wie sanfter Regen wegspülen und in einer friedvollen Stimmung von sanftem, balladenhaftem Charakter münden.
„Drogon“, eine Komposition von Facey, zeigt seinen charakteristischen Witz und seine Liebe zum Detail in einem musikalischen Feuerwerk, das die kollektive Stärke der Musiker als Improvisatoren auf höchstem Niveau zur Geltung bringt. Schließlich greift „The Garden of Beginnings: Divine Revelation“ das wiederkehrende Motiv noch einmal auf und entwickelt sich von einem leidenschaftlichen, an Coltrane erinnernden Rubato zu einer getragenen Ballade, in der die Akkorde nacheinander in die Leere fallen und sich schließlich in stillem Optimismus aufzulösen.
Während jeder Satz seinen eigenen kraftvollen Charakter hat, gehen sie widerstandslos ineinander über und fordern dabei unsere volle Aufmerksamkeit als Zuhörer ein. Bewusst stellt das Album die Herausforderung uns mit ungebrochener Aufmerksamkeit auf die Musik einzulassen und mit ihrem Fluss mitzugehen.
Mit seiner ununterbrochenen musikalischen Kontemplation ist das musikalische Format des Albums selbst ein Statement über den Wert von Ausdauer, gemeinsamem Streben und dem Festhalten an Zuversicht. Zweifellos markiert das neue Album Like Lambs: To The Slaughter einen entscheidenden Moment in der fortwährenden Evolution von Empirical. © Texte: Liner Notes