Free Jazz Collective: Gabriel Vicéns – Niebla / Clepsydra Records
Von Nick Ostrum. Gabriel Vicéns fiel mir erstmals mit seinem 2024 erschienenen Album Mural auf, das selbst einen großen Schritt in der musikalischen Entwicklung des jungen Gitarristen und Komponisten darstellte. Dieses Album markierte eine Abkehr vom lateinamerikanisch angehauchten Modern Jazz seiner früheren Werke hin zu modernistischen und postmodernistischen klassischen Traditionen.
Auf Niebla präsentiert sich Vicéns mit einem Sextett, mit dem er bereits auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückblicken kann, das sich jedoch, soweit ich das beurteilen kann, noch nie so weit in dieses verschmolzene, abstrakte musikalische Terrain vorgewagt hat – zumindest nicht gemeinsam. Zur Besetzung gehören neben Vicéns selbst an der Gitarre der Saxophonist Roman Filiú, der Pianist Vitor Gonçalves, der Bassist Rick Rosato sowie die Doppel-Percussion-Sektion aus E.J. Strickland und Victor Pablo.
Auf Niebla (Nebel) machen Vicéns und seine Band gleichzeitig einen Schritt weiter hinaus und einen Schritt zurück zu karibischen Traditionen. Für manche würde eine solche Spaltung die Bindeglieder der Überzeugung zerreißen. Hier zeigt die Gruppe seltene Geschicklichkeit dabei, dies zu meistern. Das Album hat viel zu bieten. Insofern ist Niebla liminal, bewegt sich an der Grenze zwischen Traditionen und vermeidet in seinen vielfältigen Wendungen in jedem Moment und in jeder Richtung jede Selbstzufriedenheit.
© Free Jazz Collective, Alle Texte: Nick Ostrum, 12.6.2026