Free Jazz Collective Musiktipp: Christian Lillinger – Open Form for Society II (Plaist Records)
Von Martin Schray. Es gibt improvisierte Musik, die einen direkt in den Bauch packt; die Verbindung zu dieser Musik ist unmittelbar und direkt. Oft spürt man sie; sie reißt einen mit, trifft einen mitten ins Herz und kann einen in einen anderen Bewusstseinszustand versetzen.
Peter Brötzmann und Joe McPhee kommen einem da vielleicht in den Sinn, Matana Roberts und Mette Rasmussen repräsentieren eine jüngere Generation. Es gibt aber auch Musik, die einen eher intellektuellen Ansatz verfolgt; sie ist schwerer zugänglich, abstrakter, konzeptioneller. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie einen nicht bewegen kann – sie tut es nur auf einer anderen Ebene.
Das klassische Beispiel hierfür wäre sicherlich Anthony Braxton. Auch Christian Lillingers Projekte funktionieren auf diese Weise – und zwar auf durch und durch faszinierende Art und Weise, insbesondere wenn es sich um sein Ensemble „Open Form for Society“ handelt.
Lillinger beschreibt das zweite Album seines Projekts als konzipierte, verdichtete Kammermusik – eine Erkundung klanglicher Möglichkeiten mit einem eigens entwickelten Ensemble, das zu Recht als „Who’s Who“ der modernen europäischen Improvisatoren (plus einem amerikanischen) bezeichnet werden kann: Kaja Draksler (Celesta, Klavier), Elias Stemeseder (Cembalo, Synthesizer); Georg Vogel (Claviton), Anna D’Errico und Cory Smythe (Klavier) bilden die Keyboard-Sektion, Robert Landfermann, Jonas Westergaard und Petter Eldh spielen die Bässe, Christopher Dell das Vibraphon, und Lillinger selbst ist für die Percussion und die Komposition der Musik verantwortlich.
Man kann dieses Album als musikalische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Zeit hören – eine Frage, die einst Karl-Heinz Stockhausen aufwarf und die hier von Lillinger diskutiert wird –, aber man kann auch einfach Titel wie „Topping Abnormal“ wegen ihrer ungewöhnlichen Schönheit genießen oder die Punk-Attitüde von „Vector“. Eine weitere Möglichkeit ist es, die psychedelische Seite von „Setzung“ oder die Heavy-Metal-Einflüsse von „Plant“ zu erkunden. Denn dieses Album macht, ganz einfach, jede Menge Spaß.
Im Gegensatz zur ersten Veröffentlichung, bei der die Trennung im Studio im Mittelpunkt stand, geht es bei OFFS II um die Einheit eines gemeinsamen Raums. Die Aufnahmen entstanden in den Studios des Deutschlandfunks in Köln und spiegeln ein klangliches Live-Bild wider, in dem das gesamte Material (mit nur wenigen Overdubs) in einem einzigen Raum erklingt und lebt.
© Free Jazz Collective, Alle Texte: Martin Schray, 20.6.2026