Nach hören. „Das geteilte Selbst“ Selfies als Existenzbeweis und Kunstform
Essay von von Martin Halter
Natürlich sind Selfies trivial, oberflächlich, infantil, Reflexe eines selbstverliebten, dauererregten Ichs, für das es keine Grenzen mehr zwischen privat und öffentlich, weltgeschichtlichen Katastrophen und narzisstischen Kränkungen gibt. Aber mit kulturpessimistischem Naserümpfen wird man dem Selfie nicht gerecht. Innovativ ist das Selfie nicht durch das, was es repräsentiert, sondern wie, wo und für wen das Subjekt sich präsentiert. Die Motive sind alt, neu sind Technik, Komposition und kommunikative Funktion. Scheinbar spontan aus der Hand geschossen, schnell geteilt und ebenso schnell wieder vergessen, ist das Selfie ersichtlich nicht für die Ewigkeit gemacht. Es ist die flüchtige Momentaufnahme einer fragilen Identität und schon deshalb mit den alten Kategorien von Werk und Wahrheit, Ausdruck und Persönlichkeit nicht mehr zu fassen.
© SWR 2, Essay,15.2.2016