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Heute Abend 20.03 Uhr Bayern 2 „Nur Frauen! Über den weiblichen Schmerz“

Anna Karenina, Emma Bovary, Sylvia Plath: Frauen sind Schmerzensfiguren, sagt das Klischee. Was ist dann die Wahrheit, fragt die amerikanische Essayistin Leslie Jamison und macht sich auf die Suche nach Mitgefühl und Empathie.

Ich bin einmal wound dweller genannt worden, von einem Mann, mit dem ich zusammen war. Eine Bewohnerin von Wunden. Ich mochte es nicht, so bezeichnet zu werden, und obwohl es jetzt schon ein paar Jahre her ist, bin ich bis heute nicht darüber hinweg. Einer Freundin schrieb ich: Mein Gefühl in Bezug auf körperliche Krankheiten und Gebrechen – gebrochener Kiefer, eingeschlagene Nase, zu schnell schlagendes Herz, gebrochener Fuß usw. – ist immer irgendwie zweischneidig. Ich bin zugleich beschämt und empört. Auf der einen Seite denke ich: Warum passiert diese Scheiße gerade mir? Und auf der anderen: Verdammt, warum rede ich so viel darüber? Ich vermute mal, ich rede darüber, weil es passiert ist.

„Traurigkeit machte jemanden ‚interessant‘. Es war ein Zeichen von Vornehmheit, von Sensibilität, traurig zu sein. Das bedeutet, machtlos zu sein.“ 

Susan Sontag

Warum ist das Leiden von Frauen attraktiv?

So hat Susan Sontag die Blütezeit einer „nihilistischen und sentimentalen“ Logik des 19. Jahrhunderts beschrieben, als das weibliche Leid attraktiv wurde. Das aber ist die problematische Kehrseite von Sontags Kritik: Mag sein, dass wir die verwundete Frau zu einer Art Göttin gemacht haben, dass wir ihre Krankheit romantisiert und ihr Leiden zum Ideal erhoben haben, aber das heißt ja nicht, dass es die verletzte Frau nicht trotzdem gibt. Frauen haben immer noch Wunden: gebrochene Herzen, gebrochene Knochen, beschädigte Lungen. Wie kann man über diese Verletzungen sprechen, ohne sie zu glorifizieren? Wie lässt sich weiblicher Schmerz darstellen, ohne ihn zu einem Fetisch zu machen, der zu einer Fantasie oder einem Imperativ wird? Fetischismus: die allzu exzessive oder irrationale Hingabe an eine Sache, der übergroße Kräfte zugesprochen werden. Darin liegt die Gefahr einer weiblichen Identität, die auf Verletztheit beruht: dass die Heraufbeschwörung der Verwundung einen Schmerzenskult stützt, der schließlich die Verletzung selbst legitimiert, ja quasi zur Gesetzmäßigkeit erklärt.

 

Wir wollen keine Wunden sein

Das Schwierige jedoch ist, dass es jenseits dieser obszönen Faszination für Frauen, die sich selbst verletzen, schlechten Sex haben und zu viel trinken, tatsächlich Frauen gibt, die sich selbst verletzen, schlechten Sex haben und zu viel trinken. Wir wollen keine Wunden sein, aber sollten die Möglichkeit haben, ihre Existenz zu bezeugen, über sie zu reden und dabei mehr zu sein als nur eines dieser verwundeten Mädchen.

 

Über die Autorin

Leslie Jamison wurde 1983 in Washington DC geboren und ist in Los Angeles aufgewachsen. Heute lebt sie in New York. Bisher hat sie zwei Bücher veröffentlicht: Den Roman The Gin Closet (2010) und die Essay-Sammlung The Empathy Exams (2014), das in der deutschen Übersetzung von Kirsten Riesselmann bei Hanser Berlin erschienen ist.

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