„Armenia“ Film von M.A. Littler /Aktualisiert
“Je älter ich werde, desto weniger bin ich an ausschließlich biografischen Geschichten interessiert. Vielmehr interessieren mich Geschichten die eine universelle, archetypische Bedeutung haben. Ich denke, dass nur im Archetypischen eine Geschichte zu erzählen ist, die losgelöst von kultureller, nationaler und biografischer Prägung überall verstanden wird.”
(M.A. Littler)
Armenia ist ein ruhig erzählter Road-Movie mit großartig eingesetzter Musik. Die durchkomponierte Bildsprache reicht von imposanten Landschaftsaufnahmen bis zu scheinbar zufälligen intimen Einblicken. Der Film kommt fast ohne Dialoge aus. Das gesprochene Wort erklingt meist vom Diktiergerät und unterstreicht die Innerlichkeit dieser Reise. Auch wenn Alain Croubalian die Reise ins Land seiner Väter antritt, erzählt dieser Film viel mehr darüber, zu welcher inneren Reise ihn dieser Entschluss drängt. Philosophisch, poetisch, melancholisch. Ein Gesamtkunstwerk. Review N.Senf
Im August 2004 lernt der Autor und Independent-Filmemacher M.A. Littler den Musiker Alain Croubalian kennen, es folgen drei gemeinsame Filmprojekte, unter anderem “Death Is Not The End” über The Dead Brothers, die in der Schweiz ansässige Gypsy-, Folk-, und Swamp-Blues-Band Croubalians, im neuen Film schlüpft der Sänger und Gitarrist in die Rolle des Haig Boghos, dessen Vorfahren aus Armenien stammen.
Der Protagonist begibt sich am Tag nach seinem 50. Geburtstag von seinem Wohnort Bern aus über die Zwischenstationen Frankfurt und Marseille auf eine gleichsam persönlich-psychologische wie historische Reise zu den Gräbern und Wurzeln seiner Vorfahren im Kaukasus, vor dem Hintergrund des Völkermords an den Armeniern während des 1. Weltkriegs in den Jahren 1915 und 1916 wird die Suche nach der Herkunft nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit dem Genozid und den Folgen der Entwurzelung für die überlebenden Vorfahren, Boghos setzt sich zuforderst auch mit sich selbst, seiner eigenen Vergänglichkeit und dem Dahinschwinden der Zeit auseinander, er findet Antworten, die mitunter in ihrer Unausweichlichkeit schmerzen mögen, an deren Gültigkeit jedoch letztendlich schwer zu rütteln ist, das Bewusstsein vom Stumpfwerden der eigenen Ambitionen, vom Verblassen der eigenen Wut und der persönlichen Passionen geben der dokumentarischen Erzählung eine melancholische Wucht, ohne je in aufgesetztes Sentiment abzudriften.
“Der Horror des Genozids […] übersteigt jegliche Sprache. Also haben wir entschieden, dass mit Schweigen in diesem Fall mehr gesagt werden kann als mit dem ständigen Jonglieren von Worten und Phrasen.”
(M.A. Littler)
© über Armenia — KULTURFORUM
Armenia. Drama/Spielfilm. Deutschland/Armenien/Frankreich 2016. 84 Min.
Buch & Regie: M.A. Littler. Kamera: Philip Koepsell. Schnitt: M.A. Littler, Philip Koepsell. Art Director: Sinead Gallagher. Musik: Alain Croubalian, Friedrich Paravicini, Digger Barnes. Produktion: Mirko Belbez, Eduardo Saroyan, Christoph Nuehlen. Darsteller: Alain Croubalian, Beatrice Barbara, Anna Bottomley, Astghik Beglaryan, Aren Emirze, Eva Karobath.
