SZ: Avishai Cohen – „Big Vicious“ Düstere Gesellen erhellen düstere Zeiten Von Thomas Steinfeld
Warum man das neue Album „Big Vicious“ des israelischen Trompeters Avishai Cohen möglichst laut hören sollte.
Vor langer Zeit, als die Stereoanlagen noch Haustempel waren, mit einer Lautsprechersäule links, einer Säule rechts und einem leuchtenden Altar in der Mitte, besaßen Verstärker Pegelanzeigen, mit jeweils einem zittrigen Zeiger für jeden der beiden Kanäle. Wurde eine als „null Dezibel“ angesetzte Marke überschritten, begann es in den Lautsprechern zu klirren und zu lärmen. Im Prinzip gibt es solche Pegelanzeigen immer noch, wenngleich in digitalen Versionen. Sie dienen indessen nur noch selten dem Hören im Wohnzimmer, sondern werden für das Aufnehmen genutzt, unter privaten wie unter professionellen Bedingungen: Sie zeigen an, wie weit ein technisch gegebener maximaler Dynamikumfang tatsächlich beansprucht wird. Wenn es nicht um Metal oder Grunge geht, bewahrt man dabei in der Regel deutlichen Abstand zur Null-Dezibel-Marke, um erst gar nicht in die Gefahr des Verzerrens zu geraten.
Man hätte nicht erwartet, nicht in den Siebzigern und erst recht nicht in der Gegenwart, dass eine Aufnahme des Münchner Labels ECM auch nur in die Nähe jener Null-Marke käme: in der Aufnahme, nicht erst in der Reproduktion. Beim jüngsten Album des israelischen Trompeters Avishai Cohen indessen wurden die Regler weit nach oben geschoben….
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 20.4.2020
https://youtu.be/6OiAYXMwvi0