„Ein Schwingen des Pfeils im Blauen“ Eine Lange Nacht über die Unendlichkeit
Sind Raum und Zeit unendlich? Gibt es eine oder viele Unendlichkeiten? Wie kann man sie mit endlichen Mitteln greifbar machen? Und warum befassen sich Menschen überhaupt mit dem Unendlichen? Ein Trialog zwischen Mathematik, Physik und Philosophie.
„… die auf die Wand gekritzelten Symbole stellten einen der seltenen Fälle dar, in denen eine sinnvolle und fassbare Aussage über das Unendliche mit präzisen endlichen Mitteln erreicht wird“, erinnert sich der Schriftsteller und Spanienkämpfer Arthur Koestler. Im Spanischen Bürgerkrieg war er von Francos Truppen festgenommen und zum Tode verurteilt worden. Während er auf seine Hinrichtung wartete, versuchte er, an der Zellenwand Euklids Beweis für die Unendlichkeit der Primzahlen nachzuvollziehen.
„Das Unendliche ist wie eine mystische, in Nebel gehüllte Masse, und doch war es möglich, etwas darüber zu erfahren, ohne sich in verschwommenen Unklarheiten zu verlieren. Die Bedeutung dieser Erkenntnis schlug über mir zusammen wie eine Welle, und sie ließ einen wortlosen Niederschlag zurück, einen Hauch von Ewigkeit, ein Schwingen des Pfeils im Blauen.“
Streben nach Unendlichkeit: ein fast religiöses Bedürfnis
Unendliches und Endlichkeit, beide sind auf vielfältige Weise miteinander verknüpft, wie diese Anekdote zeigt. Und so schwingt auch dieses (2006 aufgezeichnete) Gespräch zwischen Mathematik, Physik und Philosophie zwischen beiden Polen hin und her – und führt immer wieder zurück zu der Frage, wie sich Unfassbares fassbar machen lässt.
Dass uns das Unendliche oft gerade in der Endlichkeit bewusst wird, das weiß Burkhard Kümmerer, Mathematik-Professor an der Universität Darmstadt, auch aus der persönlichen Erfahrung: „Unendlichkeit hat viel zu tun mit Einmaligkeit und das habe ich, wenn immer ich mich von guten Freunden oder einem schönen Tag verabschiedet habe, immer gemeint: So, das ist jetzt für immer vorbei.“
Für den Philosophen Klaus-Jürgen Grün von der Universität Frankfurt ist unsere eigene Endlichkeit der Hauptantrieb dafür, dass Menschen sich seit jeher mit dem Unendlichen befassen: „Wir finden darin etwas, das wir selber nicht haben. Dieses Bedürfnis, etwas ganz Großes zu tun, die Beschäftigung mit dem ganz Weiten, das Überschreiten der Grenzen, die uns als Menschen gesetzt sind, das ist vielleicht auch ein Bedürfnis nach Religion.“
Produktion dieser Langen Nacht:
Moderation: Sybille Hoffmann; Studiogäste: Klaus-Jürgen Grün, Burkhard Kümmerer, Fritz Siemsen; Redaktion: Monika Künzel; Webdarstellung: Constantin Hühn.
© Deutschlandfunk, Lange Nacht, 22.8.2020