Zeit Online: Spotify „Hör mich an!“
Spotify bietet Musikern an, sich in den Algorithmus des Streamingdienstes einzukaufen, um ihre Songs populärer zu machen. Früher nannte man so etwas Charts Manipulation. Eine Analyse von Silvia Silko
Algorithmen sind die Blackboxes der Digitalplattformen und neben der Menge aktiver Nutzerinnen und Nutzer (und deren Daten) ihr eigentlicher Schatz: Wer bekommt was warum und wie zu sehen und im Fall von Musikstreamingdiensten zu hören? Fundierte Informationen über die unergründlichen Rechenwege des eigenen Algorithmus gibt der Musikservice Spotify wie alle anderen Plattformen nicht heraus. Das schwedische Unternehmen sagt nur so viel: Unzählige Faktoren und Berechnungen sorgten für den perfekten Song im richtigen Moment, ganz auf die vermeintlich individuellen Bedürfnisse des Hörenden abgestimmt.
Nun wird offiziell mit diesem Versprechen gebrochen: Kürzlich verkündete der Streamingdienst auf seinem Blog, dass Künstlerinnen und Künstler, Labels oder Lizenzinhaber künftig den Spotify-Algorithmus gegen Geld beeinflussen können. Spotify nennt das „verstärkten Künstlerinput“. Der besteht zunächst darin, dass Musikerinnen und Musiker ihre Songs als „wichtig“ markieren können, was dann als einer der vielen Faktoren in den Spotify-Algorithmus einfließen soll. Die Wahrscheinlichkeit also, dass einer Nutzerin, die eigentlich nur Deutschrap hört (was Spotify durch deren Abspielhistorie weiß), plötzlich amerikanischer Death-Metal empfohlen wird, ist recht gering – selbst wenn amerikanische Death-Metal-Bands ihren Titeln durchs Markieren potenziell mehr Reichweite verschaffen wollen würden.
© Zeit Online, Kultur, 4.12.2020