NZZ: So tönt der neu Jazz aus Österreich: Hier hört das Auge mit
Im Nachbarland werden nicht nur Traditionen kombiniert. Die Musiker legen auch viel Wert auf den Zusammenklang der Künste – das gilt für kabarettistische Einlagen ebenso wie für Videos. Von Stefan Hentz.
Nein, die bunten Krümel auf dem Sakko des jungen Mannes sind kein Zufall, keine Nachlässigkeit, kein Versehen. Sie sind ein Zeichen, bewusst gesetzt auf einer Fotografie. Denn ihre kräftigen Farben, ihre unregelmässigen Formen lassen sich mit Eigenschaften verbinden, die man auch in der Musik wiederfinden kann, für die der Komponist, Bandleader und Gitarrist Ralph Mothwurf sein junges Gesicht vor die Kamera hält.
Schon im Opener von «Zelt», dem Debütalbum des 22-köpfigen Ralph-Mothwurf-Orchestra, sind schrille Melodiekrümel eines Tenorsaxofons zu hören und die abgerissene Phrasierung einer verzehrten E-Gitarre, die vor einer gepflegten klanglichen Wellenbewegung das visuelle Motiv der zufällig verstreuten Störelemente spiegeln. Rezeptionssteuerung nennt man das. Oder Inszenierung. Etwas, was man im Land der Wiener Klassik und der Allongeperücken nicht weiter erklären muss.
Visuelle Hilfe
Kleider machen Musiker! Das war schon zu Mozarts Zeiten so, und das ist im wilderen Teil der gegenwärtigen Jazzszene auch heute nicht anders. Inszenierung und Kostümierung schaffen Anhaltspunkte, sie lenken die Kommunikation zwischen Künstlern und Publikum. Das gilt im Besonderen für sperrige Kunstformen wie instrumentale Musik, die auf begriffliche Verständlichkeit weitgehend verzichtet.
© NZZ, Feuilleton, 16.3.2021