„Arhoolie Records“ Kolumbus hat Amerika entdeckt und Chris Strachwitz die Americana von Christoph Wagner
Als immigrierter Teenager hörte Chris Strachwitz zum ersten Mal einen Blues. Diese Musik liess ihn nicht mehr los. Mit seinem Label Arhoolie Records wurde er zum bedeutenden Förderer traditioneller amerikanischer Musik.
Für den Teenager muss es ein Kulturschock gewesen sein: Christian Graf Strachwitz von Gross-Zauche und Camminetz kam 1947 als 16-Jähriger mit Mutter und Geschwistern in die USA, geflohen aus Schlesien vor der Roten Armee. Glücklicherweise hatte die Familie eine Grossmutter in Amerika, die sie nur zu gerne fürs Erste aufnahm. Später fand die Familie bei einer Tante in Nevada Unterkunft.
In Amerika war alles anders. Als verwirrend und überwältigend empfand Chris Strachwitz die neue Umgebung. Wenn man das Radio einschaltete, ertönten Klänge, die ihm seltsam fremd vorkamen, aber eine ungeheure Faszination ausstrahlten. Mit dem Ohr des Fremden nahm er die Vielfalt der traditionellen amerikanischen Musik viel bewusster wahr als die Einheimischen.

Detektivisches Suchen
Bald gab der Teenager sein ganzes Taschengeld für Bluegrass-, Boogie-Woogie- und Rhythm’n’Blues-Platten aus. Nach Schule und College trat er eine Lehrerstelle in Kalifornien an. Er kaufte sich ein Tonbandgerät, um erstmals auch selbst Aufnahmen mit lokalen Bluesgrössen zu machen. «Ich fing an, Detektiv zu spielen, um Bluessänger aufzustöbern», erinnert sich der Musikbegeisterte im Gespräch.
© NZZ, Feuilleton, 5.7.2021