Jazzkolumne: „Freuden des Exils“ Musik von Dexter Gordon, Ronnell Bright, John Lewis, Sacha Distel, Don Cherry und Mal Waldron
Viele US-Jazzmusiker der 1960er- und 1970er-Jahre lebten in Europa. Einige Aufnahmen aus dieser Zeit erscheinen erst jetzt. Und zeigen den Ausdruck einer neuen transatlantischen Kultur. Von Andrian Kreye
Manchmal findet man seine wahre Heimat erst später im Leben. Für viele amerikanische Jazzer der Sechziger- und Siebzigerjahre war das Europa. Die Liste der Musiker, die für Jahre oder auch immer dort hängenblieben, würde diese Kolumne mehr als füllen. Der Pianist Bud Powell lebte zum Beispiel so ein Leben in Paris. Das war so exemplarisch mit seiner Kluft zwischen den Dämonen der eigenen Vergangenheit und den Befreiungsmomenten der französischen Metropole, dass Bertrand Tavernier viele Jahre später den wahrscheinlich besten Spielfilm über Jazz daraus machte. Die Hauptrolle in „Round Midnight“ spielte damals der Saxofonist Dexter Gordon, der wiederum viele Jahre in Kopenhagen lebte.
Das Befreiungsmoment war für die schwarzen Musiker zunächst, ohne den langen Schatten des Rassismus leben zu können, dem sie selbst in vermeintlich progressiven Städten wie New York, Detroit oder San Francisco nicht entkamen. Gordon formulierte aber den eigentlichen Reiz Europas. „Ich hatte keine Ahnung, wie sehr der Jazz in Europa geschätzt wird“, sagt er seinem Biografen. „Das war eine regelrechte Offenbarung. All diesen Respekt zu spüren, als Musiker, als Künstler. Man trifft all diese Menschen, die alles kennen, was man je gemacht hat. In Schweden, Dänemark, Italien, England, Belgien. Überall.“
In letzter Zeit sind viele der Aufnahmen dieser Exilanten und Expats wieder oder erstmals aufgelegt worden. Die Platten aus den Sechzigerjahren unterscheiden sich beim ersten Anhören nicht groß von denen, die in Amerika aufgenommen wurden. Das ist der gleiche brillante Hard Bop, mit dem die Musiker damals die nervöse Energie des Be Bop herunterkühlten. Nur wenn man genau aufpasst, sind da diese Momente, in denen sich das Glück, in Europa zu leben, manifestiert.
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