Zuerst die CD, dann der Download, heute das Streaming – wie sich die digitale Revolution in der Pop-Musik abgezeichnet hat
Pop ist ein Spielfeld technischer Innovationen. In einem aufschlussreichen Buch spürt der Publizist Tobi Müller den Wechselwirkungen von Musik, Technik und Kulturwandel nach. Von Ueli Bernays.
Bin ich das wirklich? Wer Tonaufnahmen seiner eigenen Stimme zu hören bekommt, erlebt oft einen Schock. Dass einen das eigene Reden oder Singen aus einer fremden Apparatur und somit losgelöst vom eigenen Körper entgegentönt, sorgt für eine geradezu gespenstische Erfahrung. Man erkennt sich wieder und kommt sich doch fremd vor. Das Aufnahmegerät hat die mediale Macht, mit seiner akustischen Wahrheit das Bild zu stören, das man sich von sich selbst gemacht hat.
„Tobi Müller schreibt über Popmusik mit dem gebotenen Ernst und der notwendigen Lust, ohne die Kunst sinnlos ist.“
Sophie Hunger
Ist die erste Irritation jedoch überwunden, öffnet sich zwischen dem eigenen und dem medial übertragenen Ich ein Raum für künstlerische Versuche. Man kann die Stimme bei den Aufnahmen bewusst variieren und verfremden, man kann in Rollen schlüpfen, die Lieder seiner Idole nachsingen oder sich selbst als Rock- oder Karaoke-Star in Szene setzen.
Spielerische Aneignung
Solche Erfahrungen schildert Tobi Müller in «Play Pause Repeat», einem aufschlussreichen Buch über die Verstrickungen von Technik und Pop-Kultur. In der Erinnerung hört sich der in Berlin lebende Schweizer Theater- und Musik-Publizist nochmals selbst, wie er als Junge «Rock’n’Roll Music» in der Interpretation der Beatles nachsingt. Weil er den englischen Text nicht versteht, überträgt er ihn in improvisierte Lautfolgen. Dabei bemerkt er nicht, dass der grosse Bruder ein Tonbandgerät hat laufen lassen.
© NZZ, Feuilleton, 30.11.2021
Tobi Müller: Play Pause Repeat. Was Pop und seine Geräte über uns erzählen. Verlag Hanser Berlin, 2021. 239 S., Fr. 36.90.