„Revolte und Freiheit“ Leben und Kunst der Surrealistin Toyen in Prag und Paris. Von Olga Hochweis
Sie gilt als die bedeutendste tschechische Künstlerin des 20. Jahrhunderts und ist doch selbst in Fachkreisen immer noch eine große Unbekannte. Vergessen starb Toyen 1980 in Paris. Dabei ist ihr Werk hochaktuell und radikal modern.
Furchtlos hat sie in ihrem umfangreichen Werk (Malerei, Zeichnung, Illustration, Druckgraphik und Collagen) sexuelle, politische und künstlerische Identitäten in Frage gestellt. Geboren 1902 in Prag als Marie Čerminová, wählte die kurzhaarige Frau im Overall früh das Pseudonym Toyen (von „citoyen“ – Bürger“ ), um binären Zuschreibungen zu entgehen. Erotik, Leben, Traum und Revolte sind wiederkehrende Themen. Verstörende Motive lückenhafter (oft weiblicher) Körper, Tiere, Fell, Federn, Blut öffnen den Weg ins Unterbewusste. Viele Werke spiegeln zugleich die konkrete Auseinandersetzung mit Tod und Zerstörung – etwa während der Nazi-Okkupation der Tschechoslowakei und des Zweiten Weltkriegs.
Früh wurdeToyen Teil der tschechischen Avantgarde, deren Blütezeit in die ersten Jahre der unabhängigen Tschechoslawakei fiel und den intensiven Austausch zwischen Literaten, Musikern und Künstlern markierte (anfänglich in Strömungen wie Devetsil und Poetismus). Mit ihrem Kollegen und Lebensgefährten Štyrský proklamierte Toyen 1927 den Artifizialismus, 1934 war sie Gründungsmitglied der Prager Surrealisten. Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 ging sie nach Paris, wo sie sich im Surrealisten-Kreis um André Breton bewegte. Sie blieb schöpferisch bis ins hohe Alter, geriet aber in den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens in Vergessenheit. 78-jährig starb sie 1980 in Paris. Ihre Neu- und Wiederentdeckung passt in unsere so surrealen Zeiten.
Die Hamburger Kunsthalle hat Toyens Werk in Zusammenarbeit mit der Prager Nationalgalerie gerade eine erste internationale Retrospektive gewidmet. Ab März 2022 wird die Ausstellung im Musée d´Art Moderne in Paris zu sehen sein.
© Deutschlandfunk Kultur, Stunde 1 Labor, 13.2.2022