Musiktipps

„Suff und Sinnlichkeit“ Impressionen vom Kölner Acht-Brücken-Festival Von Berthold Seliger

Glückliches antikes Griechenland! Dort verstand man unter einem Symposion eine Art Trinkgelage: Bei gemeinsamem, geselligem Trinken unter der Schirmherrschaft des Dionysos, des Gottes des Weines, der Freude, Fruchtbarkeit und der Ekstase (aber auch des Wahnsinns) wurde diskutiert, man löste Rätsel, hörte Musik und sang gemeinsam Lieder.

Insbesondere ausgiebiger Weingenuss sollte das Bewusstsein schärfen und erweitern, einen anderen Zugang zu Musik und Philosophie verschaffen. Der Bezug war also klar, als das famose Klangforum Wien mit seinem Dirigenten Baldur Brönnimann einen zentralen Abend des diesjährigen Kölner »Acht Brücken«-Festivals (29.4.–8.5.2022) als Symposion, als einen »Rausch in acht Abteilungen« ankündigte. Ein über fünfstündiges Programm, unterbrochen von vier Pausen, in denen guter Wein und gute Snacks dargereicht wurden, wurde zu einem intensiven Parcours durch unterschiedlichste neue Musiken.

Ein Gläschen mehr

In der kühlen Atmosphäre der Stadthalle Mülheim, einer Art Bürgerhaus im sozialdemokratischen Stil, lagen am 30. April gut hundert dunkelrote, etwas siffige und nicht gerade rückenfreundliche Futons, die von den deutschen Kulturbürgern prompt im Mallorca-Badetuchstil okkupiert und markiert wurden – eine Art Zwangshippietum, das »legere Mobiliar« sollte ein »entspanntes Gelage« ermöglichen, wie das Programmheft formulierte. Allein, die Getränke mussten draußen bleiben, das »Gelage« fand, wenn überhaupt, im Vorraum statt, und die verordnete Yogamattenlockerheit brachte keinen besonderen Erkenntnisgewinn. Für den sorgte um so mehr die Musik. Eine gute Idee, die Zeitreise durch ein Jahrhundert moderner Musik mit Gustav Mahlers »Trinklied vom Jammer der Erde« beginnen zu lassen, das Hans Bethge von Li Bai, dem bedeutendsten Dichter des antiken China (auch er ein ausgewiesener Freund von Wein und Zechgelagen), übertragen und Mahler als ersten Teil seiner radikalen Lied-Sinfonie »Das Lied von der Erde« vertont hat. Aufgeführt wurde hier eine von Schönberg begonnene und 1983 von Rainer Riehn vollendete Kammerorchesterfassung, der naturgemäß das »Süffige« der großen Orchesterversion fehlt, die aber die Struktur und die Linienführung der Komposition um so klarer hervortreten lässt.



© Junge Welt, Feuilleton, 13.5.2022

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