Wolfgang Rihm zum 70. „Im riesigen Wirbel“ Von Bernhard Uske.
Mit keinem Namen der jüngsten Musikgeschichte ist die Sprengung des Blocks so verbunden, wie mit dem von Wolfgang Rihm.
Der Avantgarde-Block – jene Neue Musik formalisierter Ordnungskräfte, der mit dem Ausdrucksbekenntnis des 1952 geborenen Karlsruher Störenfrieds ab den mittleren 70er Jahren Gegenwind bekam und eine Umorientierung bei jüngeren und älteren Kollegen bewirkte. Rihm und die Erschöpfung der Avantgarde – das war der Kairos, der den expressiven Klangsprachspielen mit Beziehung zum Bildungskanon im kommunikativen Habitus des Tonsetzers Geltung verschaffte. Dazu kam ein exzellent funktionierender kompositorischer Stoffwechsel, dessen Ergebnissen man überall begegnete. Mit einem gewissen Witz wurde zugleich für Entspannung gesorgt.
Im Mozart-Saal der Alten Oper Frankfurt hatte das Ensemble Modern sein jüngstes Abonnementskonzert dem 70. Geburtstag Wolfgang Rihms gewidmet. Der Jubilar, krankheitsbedingt im Rollstuhl, war kommunikativ und verbindlich wie eh und je, wenngleich „der alte Mann“ (Rihm) jetzt sorgfältiger und zurückgenommener komponiere. Im Gespräch mit Hermann Kretzschmar fiel auch das Rihm-Wort von der Ausdruckssuche, die alles bestimme.
© Frankfurter Rundschau, Kultur, Musik, 25.10.2022