„Key Words“ 2 Teile. Die Pianistin Florence Millet spielt Werke von u.a. Dariya Maminova, Peter Ablinger, Georges Aperghis, Leoš Janáček und György Kurtág.
Das Klavier steckt voller Stimmen. Sie deklamieren, flüstern, murmeln, stottern oder schreien. Das Programm der französischen, in Köln und Wuppertal lehrenden Pianistin Florence Millet widmet sich “sprechenden” Klavierstücken von so unterschiedlichen Komponist*innen wie Dariya Maminova, Peter Ablinger, Georges Aperghis, Leoš Janáček und György Kurtág.
Leoš Janáček lässt in seinen kaum bekannten „Intimen Skizzen“das Klavier erzählen: vom „Kleinseiten-Palais“ oder vom „Mund“, andere Skizzen sind mit sprechenden Titeln überschrieben wie „Nur blindes Schicksal?“ oder „Damit man nie zurückkönnte“. Johann Sebastian Bach inszeniert „die Abreise seines geliebten Bruders“ als anekdotische Bilderfolge. Die Musik steckt voller Gesten und Geschichten, Für- und Widerreden, rhetorischen Figuren und Floskeln, Verzögerungen und Zwischenfällen, wie sie das Leben schreibt.
Georges Aperghis liebt es, Instrumente zum Sprechen zu bringen. Er lässt sie munter drauflosreden, mit- oder gegeneinander sprechen, wie im richtigen Leben nuscheln, schreien oder plappern. Daryia Maminova lässt das Klavier in ihren Stücken murmeln und nuscheln. Die Musik strömt still und leise, verschweigt am Ende vermutlich mehr, als sie sagt. Ganz anders nähert sich Peter Ablinger dem Thema. Er lässt die originalen Stimmen durch das Klavier imitieren. Das Klavier schmiegt sich den Stimmen an, ihrem Tonfall, ihrer Diktion und Klangfarbe. Der Reiz liegt hier im Gegenüber von Original und Abbild.
Teil 1:
György Kurtág
leises Gespräch mit dem Teufel
…tröste Dich, Erika
Fenster zum Flur
aus Játekók für Klavier
Georges Aperghis
Conversation X (2017)
für präpariertes Klavier und Stimme
Johann Sebastian Bach
Capriccio BWV 992 „Über den Abschied des geliebten Bruders“ (1704)
Erik Satie
Danses gothiques (1893)
Leoš Janáček
Intime Skizzen (1923-28)
für Klavier
Dariya Maminova
Muschel / Flüstern (2021/22)
für Klavier
Peter Ablinger
Voices and Piano
für Klavier und Zuspielung:
Bernd Alois Zimmermann (2021)
Pina Bausch (2021)
Florence Millet, Klavier
Der zweite Teil unserer kleinen Folge vereint beredte Stücke von Peter Ablinger, Leoš Janáček, Federico Mompou, Erik Satie, Wolfgang Rihm, Vitezslava Kaprálova und György Kurtág.
György Kurtág ist Sender und Empfänger zugleich. Seine Sammlung „Játekók“versammelt wie in einem Tagebuch persönliche Nachrichten und Notizen, intime Äußerungen und Botschaften an Freund:innen, Zwischenrufe und Ermunterungen, mitunter auch ganz „Profanes“ wie das Gespräch mit dem Teufel.
Erik Satie spricht in seinen Klavierstücken oft zwischen den Zeilen. Er versteckt Worte, Ausrufe, ja ganze Storys in den Noten, die wohl eher stumm mitzulesen als laut zu rezitieren sind. Ganz ähnlich tut es Federico Mompou. Der Katalane dünnt den Klaviersatz im Sinne von Saties „dépouillement“ zunehmend aus und gestaltet in seinen kurzen „Dialogues“ ein fragmentarisches Frage- und Antwortspiel. Auch die lakonischen Spielanweisungen erinnern an Satie: expliqué, récité, répondez, donnez des excuses, dans la pensée.
Durch die Blume spricht Vitezslava Kaprálova, die tschechische Komponistin, die einst bei Leoš Janáček studierte, sie beherrscht die Blumensprache aus dem FF. Ihr ehemaliger Lehrer lauscht seine Sprechmelodien dem Mann – oder der Frau – auf der Straße buchstäblich ab. Diese bestimmen, ja imprägnieren viele seiner Stücke. Das gilt auch für die todesschwangere Sonate „von der Straße“.
Von letzten Dingen handeln die stillen Zwiegespräche, die Wolfgang Rihm verstorbenen Freunden „nachruft“. Es sind „Zwiesprachen“, aber der Tod antwortet nie. Paul Valery hat diese dröhnende Antwortlosigkeit in ein tiefes Bild gebracht: „Der Tod spricht mit schwerer Stimme zu uns und sagt doch nichts.“
Leoš Janáček
Sonate „Von der Straße 1.10.1905“
für Klavier
Vitezslava Kaprálova
Veilchenstrauß
Herbstlaub
für Klavier
György Kurtág
Les Adieux – Janaceks Manier
Blume für Nuria
Message-esquisse
per Luciana….
aus: Játekók
Wolfgang Rihm
Zwiesprache III: Heinrich Klotz in memoriam (2000)
Erik Satie
gnossiennne no 3 (1890)
Peter Ablinger
Voices and Piano
für Klavier und Zuspielung: Guillaume Apollinaire und Hannah Schygulla
Federico Mompou
Dialogues (1923)
für Klavier
© WDR 3, Studio Neue Musik, 10/2022