nmz: No future für das Musikland Österreich – Warum der ORF zu seinem Radio-Symphonieorchester stehen muss
Von Christoph Becher (der frühere Orchesterintendant). Nicht zum ersten Mal denkt der ORF laut darüber nach, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien loszuwerden.
Schon 2009 sah sich der damalige Chefdirigent Bertrand de Billy genötigt, vom Podium weg eine Brandrede an das Publikum zu halten, die einen Empörungssturm der kulturellen Öffentlichkeit nach sich zog. Die damaligen Pläne, das Orchester auszugliedern, wurden abgewendet. Aus gutem Grund.
Seit einem halben Jahrhundert steht das RSO Wien für eine Programm-Balance aus Klassik/Romantik (die Wurzeln eines jeden Wiener Orchesters), Meisterwerken der Moderne von Schönberg und Strawinsky bis Boulez und Henze sowie zeitgenössischer Musik mit ungezählten Ur- und Erstaufführungen. Kein anderes österreichisches Orchester verschreibt sich in solchem Ausmaß aktuellen Kompositionen, gibt Musik in Auftrag, spielt sie wieder und wieder und präsentiert sie auf Gastspielen im Ausland. Furrer, Winkler, Neuwirth, Haas, Kühr, Gruber, Cerha … you name it. Wer in Österreich Partituren für Orchester schreibt, hat in aller Regel den Klang des RSO Wien im Ohr. So soll das sein bei einem Radio-Symphonieorchester.
Ich hatte die Freude und Ehre, die Geschicke des RSO Wien als Orchesterintendant in den Jahren 2015 bis 2022 zu leiten. Dass heute, 14 Jahre nach dem unrühmlichen Angriff auf das Orchester, erneut ein Generaldirektor behauptet, seine Sparziele nur realisieren zu können, indem er das Orchester aus dem Portfolio seines Unternehmens herauslöst, ist finanziell unglaubwürdig, medienpolitisch respektlos, kulturpolitisch desaströs und menschlich beschämend.
© nmz, 22.2.2023