Release Tipps

Release Tipp – empreintes DIGITALes 11/2024: Elsa Justel + Manuella Blackburn

Die Freunde elektronischer – und akusmatischer Musik können sich auf 2 Neuerscheinungen freuen, zwischen denen ein interessanter Vergleich möglich, aber nicht zwingend ist. Mit Elsa Justel (1944) und Manuella Blackburn (1984) treffen 2 Generationen aufeinander, die gut 40 Jahre auseinander liegen.

Elsa Justel ist eine Legende der elektroakustischen Komposition. Sie komponiert schon seit langem akusmatische Musik und ist zudem eine äußerst produktive Autorin und Denkerin auf diesem Gebiet. 2007 gründete sie in Mar del Plata die Fundación Destellos, eine universitätsnahe Stiftung zur Förderung lateinamerikanischer Musikschaffender. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich seit einigen Jahren mit dem Zusammenwirken von akusmatischer Musik und dem Internet. Dr Manuella Blackburn unterrichtet seit 2023 an der Keely Universität, sie leistet Pionierarbeit an der ersten systematisierten Methode zur Erzeugung elektroakustischer Musik (die Visual Sound-Shapes-Methode) wurde als REF Impact Case Study im REF2014 verwendet.

So hat Elsa Justel drei Soloalben veröffentlicht, während Manuella Blackburn es auch schon auf drei Veröffentlichungen gebracht hat, wenn auch in einer vergleichsweise kurzen Zeit. Man kann durchaus feststellen, dass sich die Zeiten ändern. Beide vermeiden gewisse Überwältigungstechniken, wie sie oft bei Männern zu hören sind, wo die Klänge einen quasi erschlagen, ähnlich wie in einem Action-Film.

Manuella Blackburn verwendet größtenteils elektronische Elemente, die ihren Klang und Kompositionen prägen, auch entwickeln sich ihre Stücke langsam, fast behutsam. Elsa Justel wählt eine andere Herangehensweise an ihre Stücke. Das Spiel mit Zitaten, Stimmen und Field Recordings nimmt viel Raum ein und eröffnet auch neue Möglichkeiten des Hörens. Die zahlreichen Widmungen, beispielsweise an Beatriz Ferreyra, Luc Ferrari oder François Bayle, verleihen dem Album eine abwechslungsreiche Note und haben oft einen feinen Humor. Und die 40 Lebensjahre kommen hier auch zum Tragen. Manuella Blackburn wird Luc Ferrari nur dem Namen nach kennen. Hier möchte ich besonders auf die audiovisuellen Projekte von Elsa Justel hinweisen, die ich mehr als bemerkenswert finde! Bei beiden sind die Texte zu den einzelnen Kompositionen sehr aufschlussreich.

Manuella Blackburn unterhält sich mit Peter Wielk (Studioleiter des Fairlight) über den Fairlight CMI:

Die Arbeit mit einer Klangbibliothek von solcher Bedeutung und Größe hat mich dazu gebracht, mich über die kuratorischen Entscheidungen bei der Zusammenstellung dieser Klangbibliothek zu wundern, oder darüber, wie diese ziemlich gemischte Sammlung von Materialien zustande gekommen ist – Gespräche mit Peter Wielk (Studioleiter des Fairlight) haben Licht auf die Hintergrundgeschichte vieler Klänge in der Sammlung geworfen. Mein Anstoß für diese Arbeit war das Wissen um die gemeinsame Eigenschaft der Klänge – ihre Kürze. Die Klänge dauern in den meisten Fällen nicht länger als eine Sekunde, da der Arbeitsspeicher und die Rechenleistung begrenzt sind.

Justel schreibt in ihrer Widmung an Luc Ferrari folgendes:

Für die elektroakustische Suite Casi nada [Fast nichts (wie in Presque rien)] habe ich mehrere Klänge verwendet, die ich dem Komponisten Luc Ferrari entliehen habe. Der Diskurs schwankt zwischen Abstraktion und Anekdote. Verschiedene Momente des Stücks sind durch einige von Ferraris Klängen gekennzeichnet, die sich in tausend Scherben auflösen und zu einer Hintergrundtextur werden. Wiederkehrende Klangobjekte (Schwerter, der Rhythmus des Regens, Feuerwerk) dienen als erzählerische Fäden.


Vielleicht liegt es am Alter, dass mir die Musik von Elsa Justel näher ist als die von Manuela Blackburn. Die jüngeren Musikhörer können das sicher besser beantworten als ich. Oder? Beides ist aufregend und hörenswert, so wie es sich überhaupt lohnt, sich mit dem Werk beider Komponistinnen zu beschäftigen.



Elsa Justel – L’ombre du pont (The Shadow of the Bridge) / empreintes DIGITALes

Elsa Justel wurde 1944 in Mar del Plata (Argentinien) geboren und erwarb ein Professorendiplom in Musikpädagogik und Chorleitung am Konservatorium von Mar del Plata. Sie studierte Komposition an der Universität von Rosário bei Virtú Maragno und elektroakustische Musik in Buenos Aires bei José Maranzano und Francisco Kröpfl.

1988 zieht sie nach Frankreich, wo sie an der Université de Paris VIII unter der Leitung von Horacio Vaggione einen Doktortitel in Ästhetik, Wissenschaften und Technologien der Künste erwirbt. Sie unterrichtete neue Kompositionstechniken am Conservatorio Provincial de Música Luis Gianneo in Mar del Plata (Argentinien), Klangtechniken und Klangformen an der Université Paris-Est Marne-la-Vallée (Frankreich) und elektroakustische Musik an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona (Spanien). Sie hat verschiedene Artikel über elektroakustische Musik und Videomusik veröffentlicht und an vielen Konferenzen als Rednerin teilgenommen.


Elsa Justel

Ihre Musik hat bei mehreren Wettbewerben Preise gewonnen: TRINAC (Tribuna nacional de compositores, Argentinien, 2016); Viseu Rural 2. 0 – Explorações Sonoras de um Arquivo Rural (Portugal, 2016); Prix biennal Presque rien (Frankreich, 2011); Prix Ton-Bruynèl (Niederlande, 2005); Concours de musique radiophonique de La Muse en Circuit (Frankreich, 2003); Concours Phonurgia (Frankreich, 2001); Tribunas de música contemporánea et electroacústica (Argentinien, 1987, ’89, 2000); Prix Ars Electronica (Linz, Österreich, 1992); Stipendienpreis (Darmstadt, Deutschland, 1990); Concours international de musique électroacoustique de Bourges (Frankreich, 1989); und Juventudes musicales (Argentinien, 1986).



Elsa Justel hat auch audiovisuelle Projekte und Musik für Filme und die Bühne realisiert. Ihre Videomusik Destellos gewann Preise beim Wettbewerb Video Evento d’Arte (Italien, 2002) und beim Wettbewerb von Bourges (Frankreich, 2002). © Texte: empreintes DIGITALes




Manuella Blackburn – Interruptions / empreintes DIGITALes

Manuella Blackburn ist eine Komponistin für elektroakustische Musik, die sich auf die Schaffung akusmatischer Musik spezialisiert hat. Sie studierte Musik an der University of Manchester (England, Vereinigtes Königreich) und schloss 2010 eine Promotion in elektroakustischer Musikkomposition bei Ricardo Climent ab.

Ihre Musik konzentriert sich auf komplizierte Details und die Anhäufung und sorgfältige Anordnung von kleinen Klängen in klaren, ausgefeilten Klangwelten. Ihre Tonaufnahmen von alltäglichen Objekten, Umgebungen und Instrumenten finden ihren Weg in neue Stücke durch die Verwandlung des Gewöhnlichen ins Fantastische.

Ihre Arbeit konzentriert sich auf mikroskopische klangliche Details und darauf, wie diese Miniaturmaterialien in Klangkunstwerken organisiert werden können. Dieser Prozess hat zu neuen Kreationen geführt, die dezidiert auf «kleinen» Klangmaterialien basieren (dem Ticken der Uhr, dem Knacken von Eiswürfeln, dem An- und Ausschalten von Lichtschaltern und dem Piepen von Elektrogeräten). Blackburns Interesse gilt ausserdem der Welt des Samplings und dem kulturübergreifenden Austausch, der sich in musikalischen Kreationen niederschlägt. – Sonic Matter

Manuella Blackburns Musik wurde bei Konzerten, Festivals, Konferenzen und Galerieausstellungen in Argentinien, Belgien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Korea, Kuba, Mexiko, Portugal, Spanien, Schweden und den USA aufgeführt.


Manuella Blackburn

Ihre akusmatischen Arbeiten wurden mit einer Reihe internationaler Preise und Auszeichnungen bedacht, darunter: Großer Preis bei den Digital Art Awards (Fujisawa, Japan, 2007); Erster Preis beim 7. und 10. Concurso Internacional de Composição Electroacústica Música Viva (Lissabon, Portugal, 2006, ’09); Erster Preis beim Musica Nova International Competition of Electroacoustic Music (Prag, Tschechische Republik, 2014); International Computer Music Association European Regional Award (Australien, 2013); Preis im Diffusion-Wettbewerb (Irland, 2008); Publikumspreis im Concurso Internacional de Composição Eletroacústica (CEMJKO, Brasilien, 2007); und Ehrenerwähnungen im Wettbewerb des Centro Mexicano para la Música y las Artes Sonoras () (Morelia, Mexiko, 2008) und im Concurso Internacional de Música Eletroacústica de São Paulo ( ’07, Brasilien).

Manuella Blackburn arbeitet derzeit an der Keele University (England, UK) und ist Dozentin für elektronische Musik und Sound Design. © Texte: empreintes DIGITALes



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