Jochen Kleinhenz Release Tipps: Room40 Triple
Musik von Glim: Tape I, Marco Baldini + Werner Dafeldecker + Jens Strüver: Prismatic und Ben Glas: Music For Listeners (2).
Das australische Label Room40 von Lawrence English kannte ich bis dato noch gar nicht, dabei ist mir der Labelmacher selbst eigentlich gut bekannt von seinen Soloveröffentlichungen (bei Touch oder Dragon’s Eye Recordings) … und vom Mastering: Er hat mit seinem Können auf diesem Gebiet mehrere Alben und Kassetten (auf Grisaille oder Tapeworm) in meiner Sammlung veredelt.
Durfte ich vor kurzem schon die Wiederveröffentlichung von »Neuromancer« besprechen, mit gemischten Gefühlen, so kommen mir nun gleich drei Veröffentlichungen des Labels zu Ohren, die emotional wie rational wieder für klarere Verhältnisse sorgen. Bei allen dreien handelt es sich um Digitale Alben ohne physisches Pendant, alle drei erscheinen noch im Dezember.

Glim: Tape I / Room40
Immer wieder schön, neue Namen zu entdecken – den Wiener Andreas Berger kannte ich bisher noch nicht. Kein Wunder, hier verbirgt er sich hinter dem Namen Glim, unter dem er bereits zwei Alben veröffentlicht hat in den Jahren 2003 und 2005.
Der Albumname verweist tatsächlich auf sein bevorzugtes Tool bei der Produktion des Albms: Den Walkman, mit dem er die meisten Aufnahmen bewerkstelligte. Die Linernotes jedenfalls sind eine Ode an das Unperfekte dieser Technologie – und das Album auch: Berger gibt den Klängen (und zuweilen auch dem Rauschen) viel Raum, um sich auszubreiten, »Tape I« ist Ambient pur, und erfreulicherweise trotz vieler eher wohlklingender Flächen weit davon entfernt, in banales Gedudel abzudriften.
Diese Gefahrenstelle umschifft er elegant durch den Verzicht auf Melodien, was nicht ausschließt, dass nicht Schichtungen und Wiederholungen zuweilen solche zu bilden scheinen, wie auch Rhythmen. Und die acht Stücke laufen auch nicht übergangslos durch, sondern setzten zuweilen recht abrupt ein, was umso mehr auffällt, als sie durchgängig langsam ausblenden – eine eher ungewöhnliche Vorgehensweise, aber nicht wirklich den Genuss eintrübend: Hervorragender Hörstoff für diese Jahreszeit und Lichtverhältnisse.
Eine kleine Eintrübung bewirkt eher der Fakt, dass es sich hier um ein rein digitales Album handelt, noch dazu in 24-bit/48kHz-Qualität: Wäre dieses Album mit 40 Minuten Spielzeit nicht eine Kassettenveröffentlichung par excellence? Bei der das Medium dann nochmal eine wertvolle Schicht addiert? Denn Berger (und mich) faszinieren an der Kassette ja nicht nur die Imperfektion an sich, sondern der veränderte Klang, wenn das Abspielgerät gewechselt wird – so liegen Welten zwischen dem Sound auf einem Mittelklasse-Kassettendeck und einem Walkman. Ich etwa bevorzuge derzeit für die Kassettenwiedergabe einen Sony WM-23, der demnächst seinen 40. Geburtstag feiern dürfte und der mir kürzlich geschenkt wurde. Ja, ich habe dem Walkman umgehend einen neuen Riemen verpasst, der alte originale hat dann doch hörbar geeiert – aber ich habe mir den Riemen aufgehoben, für ein mögliches Comeback, das den erstaunlich gut klingenden Walkman im Handumdrehen (bzw. im Drehen von sechs Schrauben) in ein Effektgerät verwandelt …

Baldini/Dafeldecker/Strüver: Prismatic
Fast noch getragener als »Tape I« kommt »Prismatic« daher, das auch bei Tageslicht zu überzeugen weiß – bei nebelverhangenem allerdings: Nicht nur wecken Baldinis Trompetenklänge in ihrer Langgezogenheit immer wieder mal Assoziationen in Richtung Nebelhorn, sondern das ganze Arrangement der vier Stücke. Hier kommt nirgends Hektik auf, und trotz deutlicher akustischer Akzente von Trompete (Baldini) und Kontrabass und Klavier (Dafeldecker) harmonieren diese wunderbar mit den Geräuschen, die von Platten und Kassetten eingestreut werden (Strüver).
Auf einem Fundament immer wieder neuer und doch vertrauter Geräusche (field recordings) ist das eine faszinierende Kombination: Hier entstehen viele kleinere Flächen, die sich organisch zu einem Ganzen fügen, und nirgends droht Ungemach durch akustische Streiche. Dabei scheint das Klangbild so gespickt mit Details, dass es mir beim Hören einfach nicht genug werden will – das Album lief nun schon mehrmals in Schleife, bei 33 Minuten Gesamtspielzeit für vier Stücke aus reiner Selbsthilfe. Es war in den letzten 40 Jahren keines dabei, in dem ich mich nicht mit Jazz bzw. Improvisierter Musik beschäftigt habe; und nicht immer nur zum Vergnügen, zugegeben. Aber der Ton, der aktuell im freien, gemeinsamen Spiel angeschlagen wird, begeistert mich wirklich – es müssen nicht immer mehr Dezibel und mehr Energien freigesetzt werden. Dennoch wäre das hier mit dem in den 1990ern aufgekomenen Slogan »Quiet is the new loud« sehr unzureichend beschrieben: Ein wirklich grandioses Album!

Ben Glas: Music For Listeners (2)
Ben Glas kannte ich bisher von seiner 2023 bei The Tapeworm erschienen Album »Anonymous Sextet For Perverted Piano« (TTW #163) – dieses Tape hätte womöglich besser zu den beiden anderen Alben gepasst als sein neues Album: Die »sonic experiments for the intune and audio conscious listener«, die Glas hier präsentiert, sind deutlich weniger flächig angelegt, von 17 Stücken entfallen die geraden Nummern (2,4,6, …, 16) auf die acht zentralen Tracks, die ungeraden Nummern (1, 3, 5, …, 17) auf neun mit »silence« betitelte von jeweils einer Minute Länge – also kaum hörbar bzw. so leise gemastert, dass zumindest für meine milde Kombi aus Tinnitus und leichter Schwerhörigkeit nichts mehr übrig bleibt (beim »genaueren Blick unterm Mikroskop« – bei Audiodateien bevorzuge ich hierfür Audacity – zeigen sich sehr wohl Klänge, die sich mit dem Tool auch hörbar machen ließen bei Bedarf).
Die längeren Stücke zwischen diesen vermeintlichen Pausen sind ein Potpourri aus meist synthetischen Klängen, die mal das Synthetische mehr betonen (wie in den drei »cochlear sing-along-songs«), dann wieder flächig werden, wobei die beiden Achtminüter »a polytemporal clock (spatio-polyrhythmic breathing room)« und »music for listeners #2 (latent meaning on the human scale)« angenehm flächig daherkommen und doch unterschiedlicher kaum sein könnten bzw. die klanglichen Extrempunkte des Albums markieren: Das Bad in einem Meer aus Klängen – raumfüllend – einerseits; andererseits das kaum hörbare, aber permanente Knirschen unter den Schuhsohlen, trotz Bewegungslosigkeit …
Ob über Kopfhörer oder im Raum gehört – Glas liefert in den Linernotes ausführliche Hinweise dazu, aber auch konzeptionelles Futter: »The physically relational pieces are another nod at (meta)ambient and an experimental continuation of ›furniture music‹ and of my own experiments in experiential music making. […] The otoacoustic compositions on this album seek to expand pur practical understanding of inner ear distortions: how to treat the inner ear as a subjective musical instrument and how to then, with finesse, subtly and carefully perform melodies and rhythms therewith.«
»Furniture Music«? Nicht ganz, denn tatsächlich sorgen nun hier die jeweils eine Minute langen »Pausen« für das weiter oben erwähnte Ungemach: Schrecksekunden, wenn der Ton gar zu jäh einsetzt. Für mich kein kohärentes Album, das einigermaßen verlässlich trägt, sondern eher eine Ansammlung an einzelnen klanglichen Überraschungen, die ungeteilte Aufmerksamkeit fordern … meine Favoriten, die beiden erwähnten Stücke mit je acht Minuten Spielzeit, habe ich gefunden, und sie machen zusammen über die Hälfte des »hörbaren« Materials aus. Der Rest kann, hin und wieder, durchaus spannend und interessant sein. Bingo.