Keith Jarretts „Köln Concert“: Das missverstandene Meisterwerk
Von Wolfgang Sandner (FAZ). Vor 50 Jahren gab Keith Jarrett auf einem minderwertigen Klavier sein legendäres „Köln Concert“. Vier Millionen Mal wurde das Album verkauft, dabei hatte der Pianist es zwischenzeitig einstampfen lassen wollen.
Keith Jarrett hat es geahnt und dagegen polemisiert. Genützt hat es nichts. Selbst das Einstampfen der gesamten Auflage vom „Köln Concert“, das er einmal sarkastisch forderte, hätte nicht den Effekt des für ihn erlösenden Verschwindens der omnipräsenten Aufnahme bewirkt. Wäre der aberwitzige Zerstörungsakt vollzogen worden, die schon verkauften Exemplare des Doppelalbums, live eingespielt am 24. Januar 1975 im Kölner Opernhaus, hätten als rare diskographische Antiquitäten den Preis nur in ungeahnte Höhen getrieben. Aber auch so ist das „Köln Concert“ ein noch immer wachsendes Kultobjekt und mit vier Millionen verkauften Exemplaren die kommerziell erfolgreichste Solo-Einspielung eines Pianisten in der Geschichte des Jazz geworden.
In seiner Bedeutung für die Faktur des Jazz ist das „Köln Concert“ Aufnahmen an die Seite zu stellen wie dem Konzert des Benny Goodman Orchestra aus der New Yorker Carnegie Hall vom 16. Januar 1938, „Kind of Blue“ von Miles Davis, dem umstürzlerischen „Free Jazz“ von Ornette Coleman oder auch John Coltranes musikalischer Litanei „A Love Supreme“.
© FAZ, Feuilleton, 24.1.2025