Anthony Braxton zum Geburtstag: Und koste es den Jazz, wie wir ihn kennen
Von Wolfgang Sandner (FAZ). Nur kaputtspielen ist zu wenig: Der Saxophonist und Komponist Anthony Braxton, ein großer, produktiver Neuerer, wird 80.
Es gibt viele große Neinsager im Jazz. Anthony Braxton gehört zu den radikalsten unter ihnen. Was man sich auch immer unter essenzieller Musik vorstellen mag, Braxtons Klangwelt ist eine andere. Und doch gehört sie zum Jazz, ohne dessen Geschichte, Stilistik und Idée fixe seine Kunst nicht denkbar wäre. Jazz bildet den Hintergrund, vor dem Braxtons freie Ästhetik sich als Folie umso deutlicher abhebt. Man könnte sein notorisches Nein auch als Provokation verstehen, würde man an die Wirkung der Musik auf eine erschreckte Öffentlichkeit und nicht an die Absicht des Musikers denken, der mit seinen offenen Formen im Grunde die ganze Welt umarmen möchte.
Als sich der Jazz in den Sechzigerjahren erlaubte, die als Bürde empfundenen Merkmale seiner Herkunft und seiner Überlieferungen abzulegen, gab es zwei vorherrschende Widerstände gegen diese radikale Tendenz, nicht zuletzt aus den Reihen von Musikern selbst. Die einen attackierten die Ablehnung der Jazztradition mit der Frage an das Free-Jazz-Kollektiv: Könnt ihr nur dekonstruieren oder auch über Akkordprogressionen improvisieren? Populär formuliert: Könnt ihr auch gestalten oder nur kaputtspielen?
© FAZ, 4.6.2025