„Nord- und Südpol des Jazz“ Anthony Braxton und Vijay Iyer in Konzerten!

Konsequente Verweigerer des Mittelwegs: Anthony Braxton spielt in Luxemburg, Vijay Iyer in Mannheim, und beide glänzen. Von Wolfgang Sandner.

s regnet in Luxemburg. Auch dort ist der November offenbar traditionell trübe. Die nicht allzu schwerfallende Erkenntnis zur Großwetterlage hat sich die Philharmonie der Stadt allerdings klug zu eigen gemacht und ihr seit zwanzig Jahren bestehendes November-Festival für Neue Musik gleich „Rainy Days“ genannt. Dazu wurden dann gelegentlich besonders optimistische Künstler eingeladen; Schamanen gegen die notorischen Herbstdepressionen. So hat man jetzt auch zwei Konzerte dem „Diamond Curtain Wall Trio“ und der „Ghost Trance Music“ vom Saxofonisten, Klarinettisten, Pianisten, Komponisten, Improvisator und Mystiker Prof. em. Dr. h. c. mult. Anthony Braxton von der South Side in Chicago gewidmet, der selbst seine hartnäckigsten Kritiker zu besänftigen vermag, indem er sie pauschal umarmend zu „friendly listeners“ erklärt.



Um ästhetische Missverständnisse zu vermeiden, sei vorab daran erinnert, dass Braxton als der konsequenteste Verweigerer des musikalischen Mittelwegs, nicht nur im Jazz, gilt. Wen immer man als Avantgardisten, Neutöner, Sinnsucher im Niemandsland zwischen künstlerischen Genregrenzen ausmachen könnte – Braxton war sein Lehrer, wurde von ihm ermutigt, sich gleich ihm von allen Konventionen freizuspielen. Und sitzt oder saß in einem seiner Ensembles. Gegen ihn gerät selbst Ornette Coleman, der Oktoberrevolutionär des Free Jazz, postum in Verdacht, Kompromisse an die Hörgewohnheiten des Publikums eingegangen zu sein. Viele seiner Werke kann man nicht einmal umstandslos benennen, weil die Titel grafische Zeichen und bildhafte Formeln sind. Aber persönlich ist er zugänglich, ausgesprochen liebenswert, Fragen und Antworten jedweder Art gegenüber offen. Wenn er die Faust ballt, dann gegen Institutionen, nie gegen Individuen.




© FAZ, Feuilleton, 20.11.2021



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