UKJazznews Release Tipp: John Scofield + Dave Holland – Memories of home / ECM
Von Liam Noble. Allen Ginsberg soll seinem Dichterkollegen Robert Creeley einmal gesagt haben, dass er sich nach mehreren kritischen und künstlerischen Erfolgen keine Sorgen mehr darüber machen müsse, ein schlechtes Gedicht zu schreiben, er könne es sich „leisten“.
Ich bin mir da nicht so sicher, aber vielleicht kommt man nach so viel Übung und Erfahrung an einen Punkt, an dem man sich darüber nicht mehr so viele Gedanken macht und in einem verbesserten „Flow-Zustand“ einfach kein schlechtes Gedicht mehr schreibt. Hier sind zwei Musiker, von denen es äußerst unwahrscheinlich ist, dass sie eine schlechte Platte produzieren, weder zusammen noch getrennt, aber das bedeutet nicht, dass es keine Überraschungen gibt. Um ein so guter Improvisator zu sein, im Gegensatz zu beispielsweise einem exzellenten Chirurgen, muss man sich für Zufälle, für Fehler öffnen … sie sogar suchen: Das hat etwas ewig Unvollendetes.
Die größte Überraschung für mich war Dave Hollands „Memories Of Home”, ein Stück, von dem ich hätte schwören können, dass es vom Gitarristen geschrieben wurde, bis ich mir die Liner Notes ansah. Es bewegt sich einfach, aber nie so, wie man es erwartet, wobei der Gitarrist es mit allen möglichen Emotionen erfüllt, dann durch ein Solo jammert und dabei die heutzutage so vorherrschenden „Jazz-Werte” in Frage stellt: Gleichmäßigkeit des Klangs, Konsistenz des Anschlags und Einheitlichkeit des rhythmischen Gefühls. Hollands Solo ist fast eine ganz neue Melodie, die über den gesamten Tonumfang des Instruments huscht, ohne sich zu verlieren oder auf theatralische Effekte zurückzugreifen.
Als das letzte Statement des Stücks endet, fühlt es sich an wie ein Abschluss des gesamten Albums, als hätte sich währenddessen ein mysteriöser Prozess der Symbiose zwischen den beiden entfaltet, der hier in einem Stück gipfelt, das von beiden Musikern geschrieben worden sein könnte. Die Beiläufigkeit dieser Begegnung täuscht über den ikonischen Status der Musik hinweg oder schafft ihn vielleicht sogar erst, und wir werden nie erfahren, wo die Fehler lagen, denn sie sind bereits zu Klangjuwelen verwandelt, wenn sie uns erreichen. © Text: Liam Noble.
© UKJazznews, 18.11.2025