Essay: Jenseits der Scham dann das Paradies?
Von Ann Esswein und Sebastian van Vugt. Erkundungen eines ungeliebten Gefühls. Scham ist ein durchdringendes Gefühl. Sie kommt mit leiser Stimme daher, lässt den Blick sinken, bindet die Füße, bringt Körper zum Erstarren – wie in unsichtbarem Treibsand. Doch wem dient sie? Was ordnet sie, was bewahrt sie? Und was verhindert sie?
Die Auseinandersetzung mit der Scham führt tief in kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Strukturen. Sie zeigt sich als über Jahrtausende tradiertes Narrativ, als Werkzeug der Disziplinierung und Orientierung, als Grenze zwischen Individuum und Gesellschaft, Intimsphäre und öffentlichem Raum. Aus Perspektiven der Psychologie, Hirnforschung, Theologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft, Soziologie und Gender Studies gilt es, die Scham in ihren Facetten zu hinterfragen: Wie wird sie vermittelt? Mit welchen Interessen? Ist sie ein Instrument der Kontrolle – oder ein Schutz der Würde? Und zuletzt: Was liegt jenseits der Scham? Vielleicht ein neuer Blick auf uns selbst. Und vielleicht sogar: das Paradies.
Ann Esswein ist freie Autorin und Journalistin, veröffentlicht Texte und Radiobeiträge etwa in der ZEIT, SWR, Deutschlandfunk, in Literatur-Magazinen und Anthologie. 2024 ist ihr Debütroman „Mimikry“ erschienen, im November 2025 erscheint der zweite Roman „Jahre ohne Sprache”.
Sebastian van Vugt ist freier Autor und veröffentlicht kulturwissenschaftliche Texte und Prosa u.a. beim Kopf und Kragen Literaturverlag, der Anthologie „U0 Untergrundminiaturen“ und in Literatur-Magazinen.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 23.11.2025