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Buchtipp: „Unearthing the Music“ Der Underground im Ostblock / Spector Books

Von Jens Uthoff (Jungle World). Der Sammelband „Unearthing the Music“ stellt den Musik- und Kunst-Underground vieler ehemaliger Ostblockstaaten vor – macht aber auch einen Abstecher auf die Iberische Halbinsel.

Wie scheinbar unerschöpflich doch die dissidente Musik aus den Ländern des ehemaligen „Realsozialismus“ ist! Das ist das Gefühl, das sich beim Lesen des akribisch recherchierten Sammelbands „Unearthing the Music – Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000)“ einstellt. Das englischsprachige Buch, im Frühjahr 2025 erschienen, bildet einerseits die Underground-Szenen in den Ländern des Warschauer Pakts ab und stellt andererseits – und das ist dann doch ein überraschender Zug – die staatsfernen Musikszenen der in den Siebzigern untergegangenen diktatorischen Regimes in Südeuropa daneben, wie zum Beispiel den postdiktatorischen Punk in den späten Siebzigern und Achtzigern in Spanien und Portugal.

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Auf mehr als 600 Seiten kommen Expert:innen, Zeitzeug:innen, Musi­ker:innen und Kritiker:innen zu Wort, dazu gibt es eine reiche Materialsammlung mit Fotos, Covern, Flyern und Postern. Das Buch dokumentiert ein internationales Projekt mit demselben Namen, das vier Jahre daran gearbeitet hatte, ein Online-Archiv anzulegen, das zunächst eben nur experimentelle, protestierende Underground-Musik aus den osteuropäischen Ländern des sogenannten real existierenden Sozialismus abbilden sollte. Ein Mammutprojekt – und eine wahre Fundgrube.

Als redaktionelles Werk räumt das Buch die Voreingenommenheit seiner Quellen ein. Offizielle Archive sind rar, und wenn sie doch auftauchen, sind sie von der Autorität der Behörden geprägt. Stattdessen stützt sich das Projekt auf mündliche Berichte, Ephemera und im Umlauf befindliche Artefakte, um den vorherrschenden Narrativen entgegenzuwirken. Was dabei entsteht, ist keine lückenlose Geschichte, sondern eine nutzbare: Nach den Worten der Herausgeber handelt es sich um die Fußnoten des klanglichen Widerstands. Zusammengenommen bilden sie eine überzeugende Archäologie des politischen Klangs. – Xenia Benivolski / The Wire

Den Blick des Westens auf die damalige Musik aus dem Osten gibt ein Interview mit dem britischen Avantgarde-Musiker Chris Cutler (Henry Cow, Art Bears) gut wieder. Cutler hatte damals eine enge Verbindung zur Szene in der Tschechoslowakei, brachte auf seinem Label Points East Records Musik aus dem Osten in den Westen. Eigentlich habe er nur musikalische und gar keine politischen Absichten gehabt, sagt er über den kulturellen Austausch, „aber letztendlich beschloss ich, ihre Herkunft (die der osteuropäischen Musiker:innen; Anm. d. Red.) als Tugend zu betrachten – schon allein, um den westlichen Kritikern, die offenbar glaubten, dass unser überlegenes System zwangsläufig auch überlegene Musik hervorbringen müsse, zu zeigen, dass es nur ihre Unwissenheit war, die sie so engstirnig machte.“ Während die Menschen im Osten auf dem neuesten Stand gewesen seien, was westliche Musik und Kunst betrifft, sei das umgekehrt nicht im Geringsten der Fall gewesen.

© Jungle World, Dschungel, 2.4.2026

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