Release Tipp: Wer braucht schon Schubladen oder was soll der Krach!
Musik von Etienne Nillesen, Susana Santos Silva + Vasco Trilla, Bertoncini + Kocher + Lehn, Morten Qvenild, Savina Yannatou + Gonçalo Almeida + Costis Drygianakis.
So oder so ähnlich höre ich es, wenn ich in meinem Büro Musik höre. Die meisten zweifeln überhaupt daran, dass ich Musik höre. Das kennen sicher einige von euch, die keine Pop-Charts hören. Egal. Leider verharren viele auch beim Hören von Bekanntem. Aber warum höre ich mir diese Musik an? Nun, es ist das Wagnis, das Entdecken und das Unerhörte. Zugegeben, das klappt nicht immer.
Leider bekommen viele Veröffentlichungen mit experimenteller Musik, Free Jazz oder ähnlicher Musik kaum Aufmerksamkeit oder Rezensionen. Viele schaffen es nicht einmal zum Free-Jazz-Collective oder zu den Salt-Peanuts. Ich denke, dass es auch an der unglaublichen Menge an Musik liegt, die jeden Tag erscheint.
Und auch diese Auswahl ist unvollständig. Vorhandene Rezensionen oder Liner Notes sind mit dabei. Jene, die mir gefallen haben, gebe ich hier an euch weiter und hoffe, dass ihr damit etwas anfangen könnt und Neues entdeckt.
TWEE ist ein Solostück für zwei Snare-Drums, aufgenommen im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln. Mit zwei Trommeln, die eng aufeinander abgestimmt sind, entlockt Etienne Nillesen durch anhaltenden Kontakt und kreisende Bewegungen lange Töne. Obertöne treten zutage. Pulsationen entstehen. Tonhöhenbeziehungen werden hörbar, wenn sich Töne überlagern und ineinander greifen.
Die Snare Drum wird nicht als rhythmisches Instrument, sondern als Resonanzkörper betrachtet – sensibel, instabil, reagierend auf die kleinste Veränderung von Druck und Berührung. Wenn Töne aufeinandertreffen, verstärken oder destabilisieren sie sich gegenseitig. Subtile Verschiebungen kalibrieren die gesamte Resonanz des Raumes neu.
„Mushin“, ein eindrucksvolles und zutiefst introspektives neues Album der gefeierten Trompeterin Susana Santos Silva und des innovativen Perkussionisten Vasco Trilla.
Das Album besteht aus zwei Sätzen – „Mu“ und „Shin“ –, die zusammen eine konzeptionelle und klangliche Erkundung von Präsenz, Intuition und der Auflösung des Egos im Klang bilden.
Der Titel „Mushin“ stammt aus der Zen-Philosophie und der Kampfkunst. Der Begriff verbindet die Kanji „Mu“ (Nichts) und „Shin“ (Geist oder Seele) und wird oft mit „No-Mind“ übersetzt. Er bezieht sich auf einen Bewusstseinszustand, der frei von Angst, Wut oder Ego ist – in dem Handeln natürlich und ungehindert entsteht. Musikalisch gesehen wird dies zu einem Raum, in dem Klang nicht erzwungen oder vorbedacht ist, sondern mit Klarheit und Unmittelbarkeit entsteht.
In „Mushin“ verkörpern Silva und Trilla diese Philosophie durch ein zutiefst
reaktionsfreudiges Zusammenspiel. Anstelle strukturierter Kompositionen entfaltet sich die Musik als lebendiger Prozess, als organischer Austausch, in dem Trompete und Percussion zwischen Spannung und Stille, Dichte und Offenheit wechseln. Jede Geste wirkt sowohl spontan als auch unvermeidlich und spiegelt einen gesteigerten Zustand des Zuhörens und der Achtsamkeit wider. Während „No-Mind“ Leere suggerieren könnte, offenbart Mushin es stattdessen als fruchtbaren Boden: einen Zustand, in dem Gedanken zwar entstehen können, jedoch ohne Anhaftung, sodass reiner Ausdruck Gestalt annehmen kann.
Das Ergebnis ist ein immersives Hörerlebnis, das das Publikum in einen Raum der Reflexion, Intensität und subtilen Transformation einlädt.
„Critical Values“ fängt elektroakustische Improvisation in ihrer essenziellsten Form ein – roh, direkt, organisch und voller Spannung. Diese Aufnahme dokumentiert eine erste Begegnung zwischen drei erfahrenen Improvisatoren: Jonas Kocher und dem Duo Bertoncini/Lehn. Sie wurde genau so festgehalten, wie sie stattfand: unbearbeitet, unverändert und auf zwei Titel verteilt.
„Lokalt Piano“ ist Morten Qvenilds zweites Soloalbum – ein Album, das über einen langen Zeitraum hinweg in der Heimat und der lokalen Umgebung des Künstlers in Nesodden entstanden ist, von dieser inspiriert wurde und dort aufgenommen wurde. Das Album wurde in dem grünen Aufnahmestudio in seinem Garten in Nesodden mit dem vielsagenden Namen „Ugla Lyd“ aufgenommen und komponiert. Nachdem er die letzten fünfundzwanzig Jahre damit verbracht hatte, seine Reiselust zu zügeln und zum x-ten Mal von Kongsberg nach Japan und wieder zurück zu touren, hatte Qvenild diesmal das Bedürfnis, ein Album zu machen, das sich ganz auf das Lokale konzentriert: seine eigene Nachbarschaft, seine Familie und die Natur in der Umgebung.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Album zu einem größeren Gemeinschaftsprojekt mit dem Kunstkollektiv Lang Omvei. Zusammen mit dem bildenden Künstler Jon Benjamin Tallerås und dem Autor Lars Mørch Finborud hat Qvenild ein umfassendes Werk geschaffen, bei dem lokal verwurzelte Texte und Fotos die Musik begleiten. Tallerås hat Fotos aus dem Eichenwald bei Røer und dem Naturschutzgebiet bei Sørby aufgenommen, während Finborud ein Gedicht verfasst hat, das Nesodden gewidmet ist. Lokalt Piano befasst sich mit Fragen der Ortsverbundenheit, den lokalen Wurzeln der Kunst und Themen rund um die Ambivalenz in der Kunstproduktion im Zusammenhang mit dem Verlust der Natur. Lokalt Piano wird im Frühjahr 2026 mit einer Reihe von Schnupperveranstaltungen und „Pop-up“-Konzerten gestartet, die lokale Möglichkeiten in Nesodden nutzen. Die Veranstaltungen finden an den unterschiedlichsten Orten statt – von kleinen Kirchen über Slums, lokale Museen und Bergwerke bis hin zu kleinen und großen Waldlichtungen und Ateliers – allesamt Orte, die die Musik, die Texte und die Kunstwerke, die dieses Album begleiten, geprägt und mitgestaltet haben. Diese kleineren und „geheimen“ Konzerte münden schließlich in die Aufführung des gesamten Albums beim Nesodden Jazz Festival!
„Independent / Interdependent“ ist das neue Album von Savina Yannatou (Gesang), Gonçalo Almeida (Kontrabass) und Costis Drygianakis (Elektronik), erschienen bei defkaz records.
Das Album wurde im März 2025 live beim Take 2 Festival im Mikri Skini in Thessaloniki aufgenommen und fängt einen einzigartigen Auftritt ein, bei dem jeder Musiker frei interagiert und akustische mit elektronischen Klangtexturen vermischt. Erweiterte Gesangstechniken, gestrichener Kontrabass und tiefgreifende elektronische Bearbeitung schaffen eine dunkle, immersive Klangwelt.
„Irgendwie verbinden sich Yannatou, Almeida und Drygianakis auf unvorhersehbare Weise und bieten nuancierte, düstere, aber durchaus immersive Klangrituale oder eigenwillige und doch tiefgreifende Hörargumente. Yannatou leitet das Trio und agiert als vokale Zauberin und Dichterin, die komplexe, aber wortlose Geschichten mit großem Pathos, opernem Gesang und unmittelbarer emotionaler Wirkung erzählt. Almeida (der das Album auch abgemischt hat) führt mit seinen einfallsreichen, erweiterten Bogenführungstechniken ein freies Zeitkonzept ein, das perfekt zu Yannatous zeitlosen Vokalisationen passt. Drygianakis fügt mit seinen cleveren, präzisen Interventionen eine futuristische, experimentelle Dimension hinzu. Dieser Auftritt endet viel zu früh und lässt einen hoffen, dass es keine einmalige Sache war und dieses Trio weitere Gelegenheiten finden wird, seine Magie zu verbreiten.“
von Eyal Hareuveni – Percorsi Musicali
Anatomie lebendiger Klänge
Musica Mosaica unternimmt eine experimentelle Erkundung von Klängen, die nicht bloß als einfache akustische Phänomene betrachtet werden, sondern als wahrhaft lebendige Realitäten. Aus dieser Perspektive ist das Experimentieren keineswegs eine bequeme Metapher, die dazu dient, einen intuitiven oder informellen Ansatz zu veranschaulichen. Im Gegenteil, es ist wörtlich gemeint – bewusst, fast wissenschaftlich: Jedes Musikstück wird zu einem kleinen Labor, in dem Klänge als lebendige Wesen beobachtet werden, mit ihrer eigenen Morphologie, mit Impulsen, die sie einander näherbringen oder auseinanderbringen, und mit einer Intensität, die sie zum Schwingen bringt, wachsen lässt oder vergehen lässt. Xavier García Bardón und Emmanuel Gonay sprechen gerne von einem „Vivarium“, um diesen künstlichen, aber sorgfältig konstruierten Raum zu beschreiben – eine nachgebildete Umgebung, in der diese klanglichen Wesen platziert, bewegt und miteinander konfrontiert werden, sodass wir beobachten können, wie sie reagieren, sich entwickeln, verwandeln und verschwinden.
Darüber habe ich schon oft und viel nachgedacht. Es gibt halt Menschen, die fühlen sich wohl als Goldfisch in ihrem Glas. Wobei es draußen im Ozean der Musik so viel Schönes zu entdecken gibt.
Ein Kommentar zu einer neulich von mir verschickten Musik: das ist gesundheitsschädlich und grenzt an Körperverletzung..
Ich bin auch manchmal traurig, dass diese vielen tollen Musiker und Musikerinnen keinerlei Aufmerksamkeit bekommen. Sie hätten es verdient.
Vielen Dank für die vielen schönen Musik Vorschläge, mit denen ich täglich meine Freude habe.
Danke, Vernier, für diesen tollen Goldfisch-Vergleich! Der passt ganz wunderbar, und ich glaube, dass sich viele so ganz wohlfühlen. Ich hatte an anderer Stelle schon über die Flut an neuer Musik geschrieben und dass so viel untergeht und nie gehört wird. Manches hat es meiner Meinung nach auch verdient, aber andere werden das komplett anders sehen. Körperverletzung ist vieles, was heute aus den Radios tönt oder was man unverlangt mithören muss. Schön, dass ich dir etwas mitgeben kann. Und der nächste Krach kommt bestimmt. Versprochen.