„Der unreine Avantgardist“ Zum 100. Geburtstag von Hans Werner Henze
Von Tim Caspar Boehme (TAZ). Am 1. Juli wäre der Komponist Hans Werner Henze 100 Jahre alt geworden. Er war politisch, schwul, antielitär – und eckte mit Toleranz für Schönheit an.
Manche Dinge kann man mit historischem Abstand nur noch schwer verstehen. Zum Beispiel diese Szene: 20. Oktober 1957, Donaueschinger Musiktage, eine zentrale Institution der Nachkriegsmoderne. Auf dem Programm steht die Uraufführung der „Nachtstücke und Arien“ von Hans Werner Henze für Sopran und Orchester nach Gedichten von Ingeborg Bachmann. Im Publikum sitzen die drei führenden Komponisten der europäischen Avantgarde, Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen. Nach den ersten 15 Takten verlassen sie geschlossen und geräuschvoll den Saal.
Der Grund: Henze wählte mit den „Nachtstücken“, deren modernen Stil er mit lyrischen Melodien und Anklängen an die Harmonien der Spätromantik vermengte, die „extremste Gegenposition“, wie er es nannte, zur reinen Lehre der damals vorherrschenden seriellen Kompositionstechnik, die Boulez, Nono und Stockhausen vehement vertraten.
© TAZ, Kultur, Musik, 29.6.2026