Kulturforum Reingehört: My Sister Grenadine – live @ 100 mijolen / Bandcamp
Von Gerhard Emmer. Das irrwitzige und überdrehte Geschrei dieser Welt: In den Nachrichten, in den sogenannten sozialen Netzwerken, im Gedankenaustausch mit dauererregten Zeitgenossen – eine lärmende, oft schwer zu ertragende und zu greifende gesellschaftliche, kulturelle und politische Kakophonie des täglichen Meinungs- und Informations-Sturms, …
… zu denen der Berliner Songwriter Vincenz Kokot unter seinem Alter Ego My Sister Grenadine mit experimentellem LoFi-Folk und vertonten Gedichten Fluchtpunkte und Inseln zum introspektiven Innehalten bietet, aktuell mit dem jüngst veröffentlichten Album ‚live @ 100 mijolen‘, dass der Musiker zusammen mit seinem mittlerweile pausierenden Kompagnon Andreas Neumann vor einigen Monaten live im Studio einspielte.
Überhaupt die Instrumentierung des Albums: wunderschön eigenwillig und charakteristisch wie Kokots Vortrag der Texte. Ohne hektisches, antreibendes Trommeln und Bass-Wummern, indes die Songs von den filigranen Klängen der akustischen Gitarren- und Ukulelen-Saiten begleitet, von den erwähnten, zwischen freiem Experiment und neoklassischer Gediegenheit aufspielenden Klarinetten, punktuell akzentuiert mit dezenten Electronica-Blinkern aus dem analogen Synthie und Klangfarbentupfern aus Harmonica- und Xylophon-Instrumentarium – zwei profilierte Multiinstrumentalisten in ihrem Element, zwei Kernforscher im Geiste einer Klangsprache, die das Wesentliche der Songs freilegen und diese damit zum Leuchten bringen.
Das neue Album ‚live @ 100 mijolen‘ von My Sister Grenadine wurde im Frühjahr 2026 eingespielt, in besagtem Studio 100 Mijolen, im ländlichen Oderbruch/Brandenburg beheimatet, abseits der großstädtischen Geräuschüberflutung, wie Studio-Betreiber und Musiker Bernhard Bauch die Lokalität auf seiner Homepage bewirbt. Seit einer Woche bei Bandcamp hör- und download-bar. Über das Rascheln der virtuellen Geldscheine im digitalen Spendenhut freuen sich die Musiker, in case.
© Kulturforum, Alle Texte: Gerhard Emmer, 2.6.2026